Bildungsstand der Schweizer Jugend

ShortId
94.3200
Id
19943200
Updated
10.04.2024 12:17
Language
de
Title
Bildungsstand der Schweizer Jugend
AdditionalIndexing
1
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Zwar berührt der Bereich der Volksschule nicht direkt den Bund, sondern primär die Kantone. Es muss aber im nationalen Interesse liegen, dass die Jugend in der obligatorischen Schule eine qualitativ gute Ausbildung erhält. In den weiter führenden Schulen kann der Bund sowohl über die Maturitätsanerkennungsverordnung als auch über die Gesetzgebung im Berufsbildungswesen und über das ETH-Gesetz seinen Einfluss geltend machen. Auch wenn die Ergebnisse der Pädagogischen Rekrutenprüfungen nur einen Teil der Jugend betreffen und in ihrer Übungsanlage 1991 zum Teil auf problematischen und fragwürdigen Aufgabenstellungen beruhten, müssen sie Ausgangsbasis für eine vertiefte Reflexion sein. Da noch weitere Studien und Untersuchungsergebnisse zur Verfügung stehen, ist es nicht nötig, noch jahrelang auf Forschungsprojekte und Langzeitstudien zu warten. Handlungsbedarf ist heute gegeben.</p><p>Darum drängt sich eine Kommission zur Abklärung der politischen Schlussfolgerungen auf. Die Tatsache, dass noch nie so viel Geld ins Bildungswesen investiert wurde und noch nie junge Menschen so lange geschult wurden wie heute, muss zum Denkanstoss führen, ob weniger nicht mehr wäre: ob nicht eine Pause im quantitativen Ausbau des Schulwesens und dafür eine in die Tiefe gehende qualitative Reform vonnöten wären; ob nicht der Bereich der ausserschulischen Erfahrungen besser in die Gesamtausbildungskonzepte integriert werden sollte; ob nicht die Grundschule von einigem Ballast gesellschaftlicher Wunschthemen, mit dem sie stofflich überlastet und überfordert wird, zu befreien ist, damit sie sich auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren kann. Auch muss die Frage erörtert werden, ob der massiv vorgesehene Ausbau des Fachhochschulwesens nicht einseitig die höhere Jugend begünstigt und indirekt auf Kosten der runden Hälfte von Jugendlichen in den gewerblich-industriellen Berufsschulen geht.</p><p>Die Schule ist nur eine Komponente des Bildungsprozesses. Ihre Aufgabe ist im Banne von Fernsehen und Computer nicht leichter geworden. Sie allein kann die um sich greifende und auch die Erwachsenen einbeziehende Sprachvernachlässigung nicht aufhalten und korrigieren. Sie muss geschützt werden vor der Gefahr, ein Ort des Spektakels, der Show und der Zerstreuung zu werden. Sie muss ihren Beitrag zur Heranbildung verantwortungsbewusster Staatsbürger leisten. - Alarmierend und gravierend ist nämlich die immerhin gesicherte Erkenntnis aus den Pädagogischen Rekrutenprüfungen, dass sich rund drei Viertel der Jugendlichen überhaupt nicht oder nur mässig für Politik interessieren. Der Hinweis auf ähnliche Haltungen in Amerika darf nicht einfach so hingenommen werden. Die schweizerische direkte Demokratie setzt viel mehr Engagement und aktive Teilnahme ihrer Staatsbürger als in den repräsentativen Demokratien voraus. Zunehmende Stimmabstinenz oder Stimmabgabe in Unkenntnis der Fakten kann auf die Dauer schlimme Folgen haben, schwerwiegend vor allem auch im Hinblick auf anstehende Entscheide über aussenpolitische Zusammenhänge und Beziehungen zur internationalen Völkergemeinschaft.</p>
  • <p>1. Das EMD, dem die Pädagogischen Rekrutenprüfungen gemäss Verordnung vom 22. November 1973 unterstehen, hat dafür eine Kommission eingesetzt, der die Festlegung der jährlichen Prüfungsthemen und die Bezeichnung der wissenschaftlichen Projektleiter obliegen. Es steht aber weder dieser Kommission noch dem EMD und dem Bundesrat zu, die Einzelheiten eines Prüfungskonzepts und die Befunde der Projektleiter zu kommentieren oder sogar zu korrigieren; der Grundsatz der Lehr- und Forschungsfreiheit geniesst in unserem Land zu Recht einen hohen Stellenwert.</p><p>Die Fragebogen für die Rekrutenbefragungen werden regelmässig in einem Pretest erprobt und nötigenfalls angepasst. Es fällt auf, dass der Pretest für die Prüfungen im Jahre 1991 zum Thema Grundwissen, der teilweise mit Lehrlingen der Berufsschule St. Gallen durchgeführt wurde, bessere Ergebnisse erzielt hat als die gesamtschweizerische Befragung. Der Bundesrat beurteilt die betreffenden Fragen als zum Teil anspruchsvoll, aber keineswegs unverständlich.</p><p>2. Der Bundesrat teilt die Auffassung, dass das staatsbürgerliche Grundwissen der jungen Generation und das schwindende Interesse für politische Fragen da und dort Anlass zu echter Besorgnis geben können. Er begrüsst deshalb grundsätzlich die mit den Ergebnissen der Pädagogischen Rekrutenprüfungen 1991 vorliegende Standortbestimmung und hofft, dass die Kantone, denen die Schulhoheit zusteht, die Prüfungsergebnisse sorgfältig analysieren und Wege zur Verbesserung des Grundwissens der jungen Generation suchen.</p><p>3./4. Im Bereich der Aus- und Fortbildung von Berufsschullehrern, für die der Bund zuständig ist, wird diesen Fragen besondere Aufmerksamkeit beizumessen sein. Grundsätzlich geniessen die Lehrkräfte an Berufsschulen Methoden- und Lehrfreiheit, und der Bund betätigt sich nicht selber als Herausgeber von Lehrmitteln. Er begleitet aber deren Erarbeitung und Einführung durch beratende Kommissionen.</p> Antwort des Bundesrates.
  • <p>Die Ergebnisse der Pädagogischen Rekrutenprüfungen 1991 sind gemäss Aussagen der Experten und von Journalisten ernüchternd und enttäuschend. Sie wurden am 9. Mai 1994 der Presse unterbreitet und sind im Band 13 der wissenschaftlichen PRP-Reihe veröffentlicht. So sollen die Prüfungen in Lesen, Schreiben, Rechnen, Staats- und Wirtschaftskunde einen bedenklich tiefen Ausbildungsstand, Ansätze zu einem sekundären Analphabetismus, grosse Unterschiede von Region zu Region und ein schwindendes Interesse an der Politik ausweisen. Der Bericht schliesst mit den Worten: "Ergebnisse also, die es eigentlich verbieten würden, zur Tagesordnung überzugehen." Nun wird aber von anderer Seite heftig kritisiert, dass ein Teil der gestellten Prüfungsaufgaben zu hoch gegriffen und kompliziert gewesen sei.</p><p>Der Bundesrat wird um Auskunft gebeten:</p><p>1. Wie beurteilt er die Prüfungsanlage und die Resultate der Pädagogischen Rekrutenprüfung 1991, insbesondere auch im Hinblick auf den Vorwurf, dass ein Teil der Fragen zu schwer, kompliziert und unverständlich gewesen sei?</p><p>2. Teilt er die Auffassung, dass die Frage des Ausbildungsstandes der Schweizer Jugend dringend weiterer Erörterung der Ursachen bedarf, insbesondere hinsichtlich der ausgewiesenen schwindenden Kenntnisse und Interessen gegenüber unserem politischen System?</p><p>3. Ist er nicht auch der Meinung und gewillt, eine unabhängige Expertenkommission mit der Aufgabe zu betrauen, die sich aufdrängenden politischen Schlussfolgerungen aus allen bereits vorliegenden einschlägigen Studien und Berichten zu ziehen, Handlungsanweisungen und Empfehlungen zu formulieren?</p><p>4. Ist er bereit, Vorkehrungen zu treffen, damit in seinem eigenen Handlungsbereich der Maturitätsanerkennungsverordnung und des Berufsbildungswesens Staats- und Wirtschaftskunde einen höheren Stellenwert erhalten? - Allenfalls das Institut für Berufspädagogik zu veranlassen, attraktivere Lehrmittel für den allgemeinbildenden Unterricht an den gewerblich-industriellen Berufsschulen bereitzustellen und die Berufsschullehrer speziell daraufhin vorzubereiten und auszubilden?</p>
  • Bildungsstand der Schweizer Jugend
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Zwar berührt der Bereich der Volksschule nicht direkt den Bund, sondern primär die Kantone. Es muss aber im nationalen Interesse liegen, dass die Jugend in der obligatorischen Schule eine qualitativ gute Ausbildung erhält. In den weiter führenden Schulen kann der Bund sowohl über die Maturitätsanerkennungsverordnung als auch über die Gesetzgebung im Berufsbildungswesen und über das ETH-Gesetz seinen Einfluss geltend machen. Auch wenn die Ergebnisse der Pädagogischen Rekrutenprüfungen nur einen Teil der Jugend betreffen und in ihrer Übungsanlage 1991 zum Teil auf problematischen und fragwürdigen Aufgabenstellungen beruhten, müssen sie Ausgangsbasis für eine vertiefte Reflexion sein. Da noch weitere Studien und Untersuchungsergebnisse zur Verfügung stehen, ist es nicht nötig, noch jahrelang auf Forschungsprojekte und Langzeitstudien zu warten. Handlungsbedarf ist heute gegeben.</p><p>Darum drängt sich eine Kommission zur Abklärung der politischen Schlussfolgerungen auf. Die Tatsache, dass noch nie so viel Geld ins Bildungswesen investiert wurde und noch nie junge Menschen so lange geschult wurden wie heute, muss zum Denkanstoss führen, ob weniger nicht mehr wäre: ob nicht eine Pause im quantitativen Ausbau des Schulwesens und dafür eine in die Tiefe gehende qualitative Reform vonnöten wären; ob nicht der Bereich der ausserschulischen Erfahrungen besser in die Gesamtausbildungskonzepte integriert werden sollte; ob nicht die Grundschule von einigem Ballast gesellschaftlicher Wunschthemen, mit dem sie stofflich überlastet und überfordert wird, zu befreien ist, damit sie sich auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren kann. Auch muss die Frage erörtert werden, ob der massiv vorgesehene Ausbau des Fachhochschulwesens nicht einseitig die höhere Jugend begünstigt und indirekt auf Kosten der runden Hälfte von Jugendlichen in den gewerblich-industriellen Berufsschulen geht.</p><p>Die Schule ist nur eine Komponente des Bildungsprozesses. Ihre Aufgabe ist im Banne von Fernsehen und Computer nicht leichter geworden. Sie allein kann die um sich greifende und auch die Erwachsenen einbeziehende Sprachvernachlässigung nicht aufhalten und korrigieren. Sie muss geschützt werden vor der Gefahr, ein Ort des Spektakels, der Show und der Zerstreuung zu werden. Sie muss ihren Beitrag zur Heranbildung verantwortungsbewusster Staatsbürger leisten. - Alarmierend und gravierend ist nämlich die immerhin gesicherte Erkenntnis aus den Pädagogischen Rekrutenprüfungen, dass sich rund drei Viertel der Jugendlichen überhaupt nicht oder nur mässig für Politik interessieren. Der Hinweis auf ähnliche Haltungen in Amerika darf nicht einfach so hingenommen werden. Die schweizerische direkte Demokratie setzt viel mehr Engagement und aktive Teilnahme ihrer Staatsbürger als in den repräsentativen Demokratien voraus. Zunehmende Stimmabstinenz oder Stimmabgabe in Unkenntnis der Fakten kann auf die Dauer schlimme Folgen haben, schwerwiegend vor allem auch im Hinblick auf anstehende Entscheide über aussenpolitische Zusammenhänge und Beziehungen zur internationalen Völkergemeinschaft.</p>
    • <p>1. Das EMD, dem die Pädagogischen Rekrutenprüfungen gemäss Verordnung vom 22. November 1973 unterstehen, hat dafür eine Kommission eingesetzt, der die Festlegung der jährlichen Prüfungsthemen und die Bezeichnung der wissenschaftlichen Projektleiter obliegen. Es steht aber weder dieser Kommission noch dem EMD und dem Bundesrat zu, die Einzelheiten eines Prüfungskonzepts und die Befunde der Projektleiter zu kommentieren oder sogar zu korrigieren; der Grundsatz der Lehr- und Forschungsfreiheit geniesst in unserem Land zu Recht einen hohen Stellenwert.</p><p>Die Fragebogen für die Rekrutenbefragungen werden regelmässig in einem Pretest erprobt und nötigenfalls angepasst. Es fällt auf, dass der Pretest für die Prüfungen im Jahre 1991 zum Thema Grundwissen, der teilweise mit Lehrlingen der Berufsschule St. Gallen durchgeführt wurde, bessere Ergebnisse erzielt hat als die gesamtschweizerische Befragung. Der Bundesrat beurteilt die betreffenden Fragen als zum Teil anspruchsvoll, aber keineswegs unverständlich.</p><p>2. Der Bundesrat teilt die Auffassung, dass das staatsbürgerliche Grundwissen der jungen Generation und das schwindende Interesse für politische Fragen da und dort Anlass zu echter Besorgnis geben können. Er begrüsst deshalb grundsätzlich die mit den Ergebnissen der Pädagogischen Rekrutenprüfungen 1991 vorliegende Standortbestimmung und hofft, dass die Kantone, denen die Schulhoheit zusteht, die Prüfungsergebnisse sorgfältig analysieren und Wege zur Verbesserung des Grundwissens der jungen Generation suchen.</p><p>3./4. Im Bereich der Aus- und Fortbildung von Berufsschullehrern, für die der Bund zuständig ist, wird diesen Fragen besondere Aufmerksamkeit beizumessen sein. Grundsätzlich geniessen die Lehrkräfte an Berufsschulen Methoden- und Lehrfreiheit, und der Bund betätigt sich nicht selber als Herausgeber von Lehrmitteln. Er begleitet aber deren Erarbeitung und Einführung durch beratende Kommissionen.</p> Antwort des Bundesrates.
    • <p>Die Ergebnisse der Pädagogischen Rekrutenprüfungen 1991 sind gemäss Aussagen der Experten und von Journalisten ernüchternd und enttäuschend. Sie wurden am 9. Mai 1994 der Presse unterbreitet und sind im Band 13 der wissenschaftlichen PRP-Reihe veröffentlicht. So sollen die Prüfungen in Lesen, Schreiben, Rechnen, Staats- und Wirtschaftskunde einen bedenklich tiefen Ausbildungsstand, Ansätze zu einem sekundären Analphabetismus, grosse Unterschiede von Region zu Region und ein schwindendes Interesse an der Politik ausweisen. Der Bericht schliesst mit den Worten: "Ergebnisse also, die es eigentlich verbieten würden, zur Tagesordnung überzugehen." Nun wird aber von anderer Seite heftig kritisiert, dass ein Teil der gestellten Prüfungsaufgaben zu hoch gegriffen und kompliziert gewesen sei.</p><p>Der Bundesrat wird um Auskunft gebeten:</p><p>1. Wie beurteilt er die Prüfungsanlage und die Resultate der Pädagogischen Rekrutenprüfung 1991, insbesondere auch im Hinblick auf den Vorwurf, dass ein Teil der Fragen zu schwer, kompliziert und unverständlich gewesen sei?</p><p>2. Teilt er die Auffassung, dass die Frage des Ausbildungsstandes der Schweizer Jugend dringend weiterer Erörterung der Ursachen bedarf, insbesondere hinsichtlich der ausgewiesenen schwindenden Kenntnisse und Interessen gegenüber unserem politischen System?</p><p>3. Ist er nicht auch der Meinung und gewillt, eine unabhängige Expertenkommission mit der Aufgabe zu betrauen, die sich aufdrängenden politischen Schlussfolgerungen aus allen bereits vorliegenden einschlägigen Studien und Berichten zu ziehen, Handlungsanweisungen und Empfehlungen zu formulieren?</p><p>4. Ist er bereit, Vorkehrungen zu treffen, damit in seinem eigenen Handlungsbereich der Maturitätsanerkennungsverordnung und des Berufsbildungswesens Staats- und Wirtschaftskunde einen höheren Stellenwert erhalten? - Allenfalls das Institut für Berufspädagogik zu veranlassen, attraktivere Lehrmittel für den allgemeinbildenden Unterricht an den gewerblich-industriellen Berufsschulen bereitzustellen und die Berufsschullehrer speziell daraufhin vorzubereiten und auszubilden?</p>
    • Bildungsstand der Schweizer Jugend

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