"Mobbing" am Arbeitsplatz
- ShortId
-
94.3332
- Id
-
19943332
- Updated
-
25.06.2025 01:59
- Language
-
de
- Title
-
"Mobbing" am Arbeitsplatz
- AdditionalIndexing
-
- 1
-
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>Kollegen und Vorgesetzte terrorisieren gezielt eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Dieser Psychoterror, "Mobbing" genannt, stürzt viele Menschen in eine tiefe Krise und bringt der Wirtschaft grosse Verluste.</p><p>Das gezielte "Fertigmachen" eines Kollegen oder einer Kollegin hat es schon immer gegeben. Neu jedoch ist, dass das Thema vermehrt auf den Tisch kommt: Ärzte und Psychologen setzen sich damit auseinander.</p><p>Aber auch die Arbeitgeber kümmern sich allmählich um das Problem. Das hätten sie schon lange tun sollen, denn wo Angestellte ihre Energie dafür verwenden, immer neue Schikanen auszuhecken, leidet die Qualität der Arbeit.</p><p>"Mobbing" beschert der Wirtschaft Millionenverluste! Berechnungen ergaben, dass der "Kleinkrieg am Arbeitsplatz" pro "Mobbing"-Fall Kosten von 30 000 bis 100 000 Franken verursacht, basierend auf einer durchschnittlichen "Mobbing"-Dauer von rund einem Jahr.</p><p>Diese Kosten entstehen durch Minderleistungen in der betroffenen Abteilung, durch die Zeit, die Vorgesetzte und Personalabteilungen für den Konflikt einsetzen müssen, sowie durch die Krankheitstage des "Mobbing"-Opfers, bei dem häufig Stresssymptome wie Schlafstörungen oder Herzbeschwerden auftreten.</p><p>An durchschnittlich sechs von hundert Arbeitstagen bleiben die Schweizer wegen Krankheit zu Hause. Diese Zahlen geben zu denken, zumal in verschiedenen Erhebungen die meisten der Befragten als Absenzgrund nicht etwa klassische Krankheiten, sondern Spannungen mit Kollegen und Vorgesetzten nennen.</p><p>Ein sprunghafter Anstieg arbeitsplatzbedingter psychosomatischer Erkrankungen wurde festgestellt.</p><p>Neben den erwähnten direkten Verlusten verursacht "Mobbing" auch indirekte Ertragseinbussen: es vergiftet das Betriebsklima und mindert generell die Motivation der Belegschaft.</p><p>Im Gegensatz zu Deutschland und skandinavischen Ländern existiert in der Schweiz praktisch keine "Mobbing"-Forschung. Es besteht jedoch kein Grund zur Annahme, dass in einem Land mit unterdurchschnittlichen Mitspracherechten am Arbeitsplatz weniger "gemobbt" wird als anderswo. Im Gegenteil: Wo niemand lernt, in offener Mitsprache Kritik zu formulieren und Konflikte auszutragen, wächst das "Mobbing"-Potential.</p><p>Seit die Rezession in aller Munde ist, erscheinen viele "Mobbing"-Opfer nun auch krank am Arbeitsplatz. Die Folge: Sie erbringen weniger Leistung, sind reizbarer und bieten damit zusätzliche Angriffsflächen.</p>
- <p>Der Begriff "Mobbing" stammt vom schwedischen Arbeitsforscher H. Leymann. Unter "Mobbing" (aus dem Englischen "to mob": anpöbeln, attackieren) versteht er das Auftreten von Handlungen, die von Individuen (Einzelpersonen) oder einer Gruppe von Individuen auf systematische Art gegen eine bestimmte Person ausgeübt werden. Die Handlungen müssen vom Betroffenen subjektiv als feindselig interpretiert werden, oft (nahezu täglich, mindestens aber einmal pro Woche) auftreten und über einen längeren Zeitraum (mindestens ein halbes Jahr) andauern.</p><p>Seit ungefähr zehn Jahren ist "Mobbing" Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung im skandinavischen Raum, wo der Umfang des Phänomens sowie dessen grundlegende Strukturen und Ursachen in zum Teil umfangreichen Untersuchungen empirisch erfasst werden. Die unterschiedlichen kulturellen und betrieblichen Bedingungen ökonomischer und rechtlicher Art in Skandinavien - im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern - gestatten den Transfer der gefundenen Ergebnisse auf die Schweiz nur in Form eines Indikators.</p><p>Die Abteilung Arbeitsmedizin und Arbeitshygiene des Biga hat 1991 eine umfangreiche Studie über "Arbeitsbedingungen und gesundheitliches Befinden" in der Schweiz veröffentlicht. Die Problematik der gestörten psychosozialen Bedingungen, u. a. der beeinträchtigten zwischenmenschlichen Beziehungen, wurde in dieser Befragung ebenfalls berücksichtigt: 26 Prozent der befragten Erwerbstätigen hatten mehr oder weniger beeinträchtigte Beziehungen zu ihren Vorgesetzten. Die zwischenmenschlichen Beziehungen zu Arbeitskollegen wurden von 15 Prozent und diejenigen zu anderen Kontaktpersonen am Arbeitsplatz von 13 Prozent der Erwerbstätigen als unangenehm empfunden. Von den befragten Erwerbstätigen, die sich über mehrfache psychosoziale Störfaktoren am Arbeitsplatz beklagten, wiesen auch ausserordentlich hohe Quoten gestörte zwischenmenschliche Beziehungen auf: 67 Prozent zu Vorgesetzten, 38 Prozent zu Arbeitskollegen, 31 Prozent zu verschiedenen Kontaktpersonen am Arbeitsplatz.</p><p>Was das schweizerische Recht betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass diesbezüglich keine Lücken bestehen. Der Schutz der Persönlichkeit des Arbeitnehmers nach Arbeitsvertragsrecht beinhaltet als spezifische Schutzpflicht des Arbeitgebers auch das Recht auf Schutz vor "Mobbing". Verstärkt wird dieser Schutz durch entsprechende Bestimmungen des Arbeitsgesetzes und dessen Verordnung 3, welche den Arbeitgeber verpflichten, alle Massnahmen zu treffen, die nötig sind, um den Gesundheitsschutz zu wahren und zu verbessern sowie die physische und psychische Gesundheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten.</p><p>Der Bundesrat ist der Auffassung, dass die Problematik der Belastungen am Arbeitsplatz im Gesamtzusammenhang aller Arbeitsbedingungen, mit welchen Menschen konfrontiert sind, analysiert und gelöst werden muss. Eine isolierte Betrachtung einzelner Belastungsfaktoren (darunter "Mobbing"), wie sie häufig in der arbeitswissenschaftlichen Forschung betrieben wird, vermag nicht, das Zusammenwirken unterschiedlicher Belastungsarten (gesellschaftlich-ökonomische Rahmenbedingungen, Arbeitsorganisation und Arbeitsinhalt, Arbeitsmittel und Arbeitsplätze, Arbeitsumgebung, soziale Beziehungen) sowie deren Folgen für den arbeitenden Menschen zu erklären. Der Bundesrat möchte deshalb davon absehen, das Problem "Mobbing" losgelöst von anderen Einflussfaktoren einer kostspieligen Untersuchung zu unterziehen, wie es die Motion verlangt. Das Biga wird weiterhin der ganzen Palette psychosozialer Probleme am Arbeitsplatz die nötige Aufmerksamkeit schenken, sei es durch eigene Untersuchungen, sei es durch die Förderung externer Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet. Im übrigen ist das Biga gegenwärtig daran, eine Wegleitung zur oben erwähnten Verordnung 3 zu erarbeiten. Es ist vorgesehen, darin auch auf das Problem "Mobbing" einzugehen.</p> Der Bundesrat beantragt, die Motion in ein Postulat umzuwandeln.
- <p>Der Bundesrat wird eingeladen, möglichst rasch alle notwendigen Anstrengungen und Anordnungen zu treffen, damit sich die Schweiz auch mit der Ursache "Mobbing" (Psychoterror am Arbeitsplatz) auseinandersetzt und die Ursachen durch gezielte Forschungen mindert bzw. eliminiert.</p>
- "Mobbing" am Arbeitsplatz
- State
-
Erledigt
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
-
- <p>Kollegen und Vorgesetzte terrorisieren gezielt eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Dieser Psychoterror, "Mobbing" genannt, stürzt viele Menschen in eine tiefe Krise und bringt der Wirtschaft grosse Verluste.</p><p>Das gezielte "Fertigmachen" eines Kollegen oder einer Kollegin hat es schon immer gegeben. Neu jedoch ist, dass das Thema vermehrt auf den Tisch kommt: Ärzte und Psychologen setzen sich damit auseinander.</p><p>Aber auch die Arbeitgeber kümmern sich allmählich um das Problem. Das hätten sie schon lange tun sollen, denn wo Angestellte ihre Energie dafür verwenden, immer neue Schikanen auszuhecken, leidet die Qualität der Arbeit.</p><p>"Mobbing" beschert der Wirtschaft Millionenverluste! Berechnungen ergaben, dass der "Kleinkrieg am Arbeitsplatz" pro "Mobbing"-Fall Kosten von 30 000 bis 100 000 Franken verursacht, basierend auf einer durchschnittlichen "Mobbing"-Dauer von rund einem Jahr.</p><p>Diese Kosten entstehen durch Minderleistungen in der betroffenen Abteilung, durch die Zeit, die Vorgesetzte und Personalabteilungen für den Konflikt einsetzen müssen, sowie durch die Krankheitstage des "Mobbing"-Opfers, bei dem häufig Stresssymptome wie Schlafstörungen oder Herzbeschwerden auftreten.</p><p>An durchschnittlich sechs von hundert Arbeitstagen bleiben die Schweizer wegen Krankheit zu Hause. Diese Zahlen geben zu denken, zumal in verschiedenen Erhebungen die meisten der Befragten als Absenzgrund nicht etwa klassische Krankheiten, sondern Spannungen mit Kollegen und Vorgesetzten nennen.</p><p>Ein sprunghafter Anstieg arbeitsplatzbedingter psychosomatischer Erkrankungen wurde festgestellt.</p><p>Neben den erwähnten direkten Verlusten verursacht "Mobbing" auch indirekte Ertragseinbussen: es vergiftet das Betriebsklima und mindert generell die Motivation der Belegschaft.</p><p>Im Gegensatz zu Deutschland und skandinavischen Ländern existiert in der Schweiz praktisch keine "Mobbing"-Forschung. Es besteht jedoch kein Grund zur Annahme, dass in einem Land mit unterdurchschnittlichen Mitspracherechten am Arbeitsplatz weniger "gemobbt" wird als anderswo. Im Gegenteil: Wo niemand lernt, in offener Mitsprache Kritik zu formulieren und Konflikte auszutragen, wächst das "Mobbing"-Potential.</p><p>Seit die Rezession in aller Munde ist, erscheinen viele "Mobbing"-Opfer nun auch krank am Arbeitsplatz. Die Folge: Sie erbringen weniger Leistung, sind reizbarer und bieten damit zusätzliche Angriffsflächen.</p>
- <p>Der Begriff "Mobbing" stammt vom schwedischen Arbeitsforscher H. Leymann. Unter "Mobbing" (aus dem Englischen "to mob": anpöbeln, attackieren) versteht er das Auftreten von Handlungen, die von Individuen (Einzelpersonen) oder einer Gruppe von Individuen auf systematische Art gegen eine bestimmte Person ausgeübt werden. Die Handlungen müssen vom Betroffenen subjektiv als feindselig interpretiert werden, oft (nahezu täglich, mindestens aber einmal pro Woche) auftreten und über einen längeren Zeitraum (mindestens ein halbes Jahr) andauern.</p><p>Seit ungefähr zehn Jahren ist "Mobbing" Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung im skandinavischen Raum, wo der Umfang des Phänomens sowie dessen grundlegende Strukturen und Ursachen in zum Teil umfangreichen Untersuchungen empirisch erfasst werden. Die unterschiedlichen kulturellen und betrieblichen Bedingungen ökonomischer und rechtlicher Art in Skandinavien - im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern - gestatten den Transfer der gefundenen Ergebnisse auf die Schweiz nur in Form eines Indikators.</p><p>Die Abteilung Arbeitsmedizin und Arbeitshygiene des Biga hat 1991 eine umfangreiche Studie über "Arbeitsbedingungen und gesundheitliches Befinden" in der Schweiz veröffentlicht. Die Problematik der gestörten psychosozialen Bedingungen, u. a. der beeinträchtigten zwischenmenschlichen Beziehungen, wurde in dieser Befragung ebenfalls berücksichtigt: 26 Prozent der befragten Erwerbstätigen hatten mehr oder weniger beeinträchtigte Beziehungen zu ihren Vorgesetzten. Die zwischenmenschlichen Beziehungen zu Arbeitskollegen wurden von 15 Prozent und diejenigen zu anderen Kontaktpersonen am Arbeitsplatz von 13 Prozent der Erwerbstätigen als unangenehm empfunden. Von den befragten Erwerbstätigen, die sich über mehrfache psychosoziale Störfaktoren am Arbeitsplatz beklagten, wiesen auch ausserordentlich hohe Quoten gestörte zwischenmenschliche Beziehungen auf: 67 Prozent zu Vorgesetzten, 38 Prozent zu Arbeitskollegen, 31 Prozent zu verschiedenen Kontaktpersonen am Arbeitsplatz.</p><p>Was das schweizerische Recht betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass diesbezüglich keine Lücken bestehen. Der Schutz der Persönlichkeit des Arbeitnehmers nach Arbeitsvertragsrecht beinhaltet als spezifische Schutzpflicht des Arbeitgebers auch das Recht auf Schutz vor "Mobbing". Verstärkt wird dieser Schutz durch entsprechende Bestimmungen des Arbeitsgesetzes und dessen Verordnung 3, welche den Arbeitgeber verpflichten, alle Massnahmen zu treffen, die nötig sind, um den Gesundheitsschutz zu wahren und zu verbessern sowie die physische und psychische Gesundheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten.</p><p>Der Bundesrat ist der Auffassung, dass die Problematik der Belastungen am Arbeitsplatz im Gesamtzusammenhang aller Arbeitsbedingungen, mit welchen Menschen konfrontiert sind, analysiert und gelöst werden muss. Eine isolierte Betrachtung einzelner Belastungsfaktoren (darunter "Mobbing"), wie sie häufig in der arbeitswissenschaftlichen Forschung betrieben wird, vermag nicht, das Zusammenwirken unterschiedlicher Belastungsarten (gesellschaftlich-ökonomische Rahmenbedingungen, Arbeitsorganisation und Arbeitsinhalt, Arbeitsmittel und Arbeitsplätze, Arbeitsumgebung, soziale Beziehungen) sowie deren Folgen für den arbeitenden Menschen zu erklären. Der Bundesrat möchte deshalb davon absehen, das Problem "Mobbing" losgelöst von anderen Einflussfaktoren einer kostspieligen Untersuchung zu unterziehen, wie es die Motion verlangt. Das Biga wird weiterhin der ganzen Palette psychosozialer Probleme am Arbeitsplatz die nötige Aufmerksamkeit schenken, sei es durch eigene Untersuchungen, sei es durch die Förderung externer Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet. Im übrigen ist das Biga gegenwärtig daran, eine Wegleitung zur oben erwähnten Verordnung 3 zu erarbeiten. Es ist vorgesehen, darin auch auf das Problem "Mobbing" einzugehen.</p> Der Bundesrat beantragt, die Motion in ein Postulat umzuwandeln.
- <p>Der Bundesrat wird eingeladen, möglichst rasch alle notwendigen Anstrengungen und Anordnungen zu treffen, damit sich die Schweiz auch mit der Ursache "Mobbing" (Psychoterror am Arbeitsplatz) auseinandersetzt und die Ursachen durch gezielte Forschungen mindert bzw. eliminiert.</p>
- "Mobbing" am Arbeitsplatz
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