Die Post nur für eine "rentable" Schweiz?

ShortId
95.3065
Id
19953065
Updated
10.04.2024 10:43
Language
de
Title
Die Post nur für eine "rentable" Schweiz?
AdditionalIndexing
1
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Wir verstehen sehr wohl den Willen und die Notwendigkeit zur Rationalisierung und zum Sparen in den Betrieben der PTT, aber trotzdem: muss man soweit gehen und die Post demontieren ? Der Ausdruck ist nicht übertrieben, denn in der Presse spricht man von 1500 Postämtern, die aus Rentabilitätsgründen von der Schliessung bedroht sind! Natürlich drohen solche Schliessungen vor allem in den Randregionen, die ohnehin schon in mancher Hinsicht Benachteiligungen ausgesetzt sind. Solche Nachrichten sind ausserordentlich beunruhigend.</p><p>Schon seit Jahren verfolgen wir mit wachsender Unruhe den Rückzug der Post aus den schwach bevölkerten Regionen, deren Postämter wegen Unrentabilität systematisch geschlossen werden. Damit baut man eine unersetzliche öffentliche Dienstleistung in jenen Dörfern ab, die sie am meisten nötig haben. Damit geht aber auch jedesmal ein Stück Solidarität in der Eidgenossenschaft verloren, was sehr zu denken gibt.</p><p>Seit 1975 wurden, um ein Beispiel zu nennen, allein im Kreis Neuenburg vierzig Postämter geschlossen! Und beinahe weitere vierzig Prozent sind von der Schliessung während der Ferienzeit bedroht. Gesamtschweizerisch wurden 1994 120 Postämter geschlossen, wobei weder die Angestellten noch ihr Verband konsultiert wurden, um weniger radikale Lösungen finden zu können. Sobald ein Postamt weniger als 300 Punkte erreicht, wird es einer "Ueberprüfung" unterzogen, und bald darauf zur Schliessung in kürzester Frist verurteilt.</p><p>Dabei wird auch ein zwar sekundärer, aber überaus wichtiger Aspekt der Lebensqualität vernachlässigt, an den die Posthalter und Briefträger, die ihrem Arbeitsplatz treu bleiben, einen wichtigen Beitrag leisten: Sie erfüllen gegenüber alleinstehenden und isolierten Menschen, für den Kontakt der weit abliegenden Höfe und Häuser in den Bergregionen und gegenüber den älteren Menschen, die ihr Heim möglichst lange behalten wollen, eine ständige soziale Aufgabe. Für alle diese Menschen ist der Briefträger häufig der einzige Besucher am Tag, eine Vertrauensperson, die man mit Freude trifft, ein Kontakt, der kleine "kostenlose" Dienste leistet. In dieser Person in Uniform sehen viele bescheidene Leute die Zuverlässigkeit der eidgenössischen Institutionen verkörpert und fühlen sich durch ihn dem Papierkram der Verwaltung weniger entfremdet.</p><p>Von Willy Ritschard sagt die Anekdote, er habe vor einer Versammlung von Posthaltern einmal gesagt: "Ihr seit die Botschafter des Bundesrates bei der Bevölkerung."</p><p>Kann sich der Bundesrat den Verzicht auf so gute Botschafter leisten ? </p><p>Insbesondere wünschen wir, dass der Bundesrat alle Möglichkeiten prüft, diese Funktion durch alle möglichen Formen der Zusammenarbeit und der Pflichtenheftgestaltung aufzuwerten. Beispielsweise könnte ein Posthalter oder eine Posthalterin zusätzlich zum Fachmann, Berater oder Auskunftsperson in Fragen der Sozialversicherungen wie AHV, IV, Zweite Säule, Krankenkasse usw. ausgebildet werden. Damit würde er zu einer besseren Information der Bevölkerung beitragen, die ja angesichts der Komplexität der geltenden Gesetze mehr als nötig ist.</p><p>Damit würde man ihre bereits bestehenden guten Kontakte zu einem Grossteil der Bevölkerung nützen. Das ist ein Vorschlag unter vielen andern, und wir wünschen, dass der Bundsrat alle derartigen Möglichkeiten prüft, damit die bedauerliche Schliessung allzu zahlreicher Postämter auf das Notwendigste begrenzt wird. </p><p>Besonders auch aus Sorge um die Kohärenz der Politik des Bundes zugunsten der Bergregionen (IHG, Bonny-Beschluss usw.) scheint es dringend notwendig, der weiteren Schliessung von Postämtern Einhalt zu gebieten und das Problem der Rentabilität nochmals und anders aufzugreifen. Nachdem der Bericht der GPK zur Regionalpolitik Ende 1994 vorgelegt wurde, hat der Bundesrat damit begonnen, die Instrumente im Bereich der Regionalpolitik einer generellen Prüfung zu unterziehen. Dabei sollte, wie uns scheint, auch die Problematik der Postämter Eingang in die Ueberlegungen des Bundesrates finden.</p><p>In "Die Volkswirtschaft" (EVD) vom Januar 1995 kann man lesen, dass die 54 IHG-Regionen in den drei Jahren zwischen 1991 bis 1994 5,3 Prozent der Arbeitsplätze des Bundes verloren haben, 4,5 mal mehr als die anderen Landesteile. Auch diese neue Feststellung spricht deutlich für die Beibehaltung aller Postämter.</p>
  • <p>Verabschiedet, aber hier noch nicht erfasst</p> Der Bundesrat beantragt, das Postulat abzulehnen.
  • <p>Wir ersuchen den Bundesrat, dafür zu sorgen, dass</p><p>- der Betrieb der Postbüros in den kleinen Gemeinden der ganzen Schweiz beibehalten wird. Dies kann erreicht werden mit Rationalisierungsmassnahmen, Umverteilung der Arbeitszeiten, allfälliger Zusammenarbeit mit den Gemeindeverwaltungen auf neuen gesetzlichen Grundlagen, vor allem aber, indem man sich auf eine kohärente Regionalpolitik des Bundes abstützt;</p><p>- die Schliessung von als "unrentabel" bezeichneten Postbüros auf ein striktes Minimum begrenzt wird, wobei nicht nur die finanziellen Kriterien der Post, sondern umfassendere Kriterien der Gleichheit der Bürger und auch die feste soziale Rolle, welche die Posthalter, Briefträger und anderen Angestellten dieses unersetzlichen öffentlichen Dienstes erfüllen, berücksichtigt werden sollen;</p><p>- nicht in kurzer Zeit ein öffentliches Dienstleistungsunternehmen niedergerissen wird, für dessen Aufbau die Schweiz Jahrzehnte gebraucht hat.</p>
  • Die Post nur für eine "rentable" Schweiz?
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Wir verstehen sehr wohl den Willen und die Notwendigkeit zur Rationalisierung und zum Sparen in den Betrieben der PTT, aber trotzdem: muss man soweit gehen und die Post demontieren ? Der Ausdruck ist nicht übertrieben, denn in der Presse spricht man von 1500 Postämtern, die aus Rentabilitätsgründen von der Schliessung bedroht sind! Natürlich drohen solche Schliessungen vor allem in den Randregionen, die ohnehin schon in mancher Hinsicht Benachteiligungen ausgesetzt sind. Solche Nachrichten sind ausserordentlich beunruhigend.</p><p>Schon seit Jahren verfolgen wir mit wachsender Unruhe den Rückzug der Post aus den schwach bevölkerten Regionen, deren Postämter wegen Unrentabilität systematisch geschlossen werden. Damit baut man eine unersetzliche öffentliche Dienstleistung in jenen Dörfern ab, die sie am meisten nötig haben. Damit geht aber auch jedesmal ein Stück Solidarität in der Eidgenossenschaft verloren, was sehr zu denken gibt.</p><p>Seit 1975 wurden, um ein Beispiel zu nennen, allein im Kreis Neuenburg vierzig Postämter geschlossen! Und beinahe weitere vierzig Prozent sind von der Schliessung während der Ferienzeit bedroht. Gesamtschweizerisch wurden 1994 120 Postämter geschlossen, wobei weder die Angestellten noch ihr Verband konsultiert wurden, um weniger radikale Lösungen finden zu können. Sobald ein Postamt weniger als 300 Punkte erreicht, wird es einer "Ueberprüfung" unterzogen, und bald darauf zur Schliessung in kürzester Frist verurteilt.</p><p>Dabei wird auch ein zwar sekundärer, aber überaus wichtiger Aspekt der Lebensqualität vernachlässigt, an den die Posthalter und Briefträger, die ihrem Arbeitsplatz treu bleiben, einen wichtigen Beitrag leisten: Sie erfüllen gegenüber alleinstehenden und isolierten Menschen, für den Kontakt der weit abliegenden Höfe und Häuser in den Bergregionen und gegenüber den älteren Menschen, die ihr Heim möglichst lange behalten wollen, eine ständige soziale Aufgabe. Für alle diese Menschen ist der Briefträger häufig der einzige Besucher am Tag, eine Vertrauensperson, die man mit Freude trifft, ein Kontakt, der kleine "kostenlose" Dienste leistet. In dieser Person in Uniform sehen viele bescheidene Leute die Zuverlässigkeit der eidgenössischen Institutionen verkörpert und fühlen sich durch ihn dem Papierkram der Verwaltung weniger entfremdet.</p><p>Von Willy Ritschard sagt die Anekdote, er habe vor einer Versammlung von Posthaltern einmal gesagt: "Ihr seit die Botschafter des Bundesrates bei der Bevölkerung."</p><p>Kann sich der Bundesrat den Verzicht auf so gute Botschafter leisten ? </p><p>Insbesondere wünschen wir, dass der Bundesrat alle Möglichkeiten prüft, diese Funktion durch alle möglichen Formen der Zusammenarbeit und der Pflichtenheftgestaltung aufzuwerten. Beispielsweise könnte ein Posthalter oder eine Posthalterin zusätzlich zum Fachmann, Berater oder Auskunftsperson in Fragen der Sozialversicherungen wie AHV, IV, Zweite Säule, Krankenkasse usw. ausgebildet werden. Damit würde er zu einer besseren Information der Bevölkerung beitragen, die ja angesichts der Komplexität der geltenden Gesetze mehr als nötig ist.</p><p>Damit würde man ihre bereits bestehenden guten Kontakte zu einem Grossteil der Bevölkerung nützen. Das ist ein Vorschlag unter vielen andern, und wir wünschen, dass der Bundsrat alle derartigen Möglichkeiten prüft, damit die bedauerliche Schliessung allzu zahlreicher Postämter auf das Notwendigste begrenzt wird. </p><p>Besonders auch aus Sorge um die Kohärenz der Politik des Bundes zugunsten der Bergregionen (IHG, Bonny-Beschluss usw.) scheint es dringend notwendig, der weiteren Schliessung von Postämtern Einhalt zu gebieten und das Problem der Rentabilität nochmals und anders aufzugreifen. Nachdem der Bericht der GPK zur Regionalpolitik Ende 1994 vorgelegt wurde, hat der Bundesrat damit begonnen, die Instrumente im Bereich der Regionalpolitik einer generellen Prüfung zu unterziehen. Dabei sollte, wie uns scheint, auch die Problematik der Postämter Eingang in die Ueberlegungen des Bundesrates finden.</p><p>In "Die Volkswirtschaft" (EVD) vom Januar 1995 kann man lesen, dass die 54 IHG-Regionen in den drei Jahren zwischen 1991 bis 1994 5,3 Prozent der Arbeitsplätze des Bundes verloren haben, 4,5 mal mehr als die anderen Landesteile. Auch diese neue Feststellung spricht deutlich für die Beibehaltung aller Postämter.</p>
    • <p>Verabschiedet, aber hier noch nicht erfasst</p> Der Bundesrat beantragt, das Postulat abzulehnen.
    • <p>Wir ersuchen den Bundesrat, dafür zu sorgen, dass</p><p>- der Betrieb der Postbüros in den kleinen Gemeinden der ganzen Schweiz beibehalten wird. Dies kann erreicht werden mit Rationalisierungsmassnahmen, Umverteilung der Arbeitszeiten, allfälliger Zusammenarbeit mit den Gemeindeverwaltungen auf neuen gesetzlichen Grundlagen, vor allem aber, indem man sich auf eine kohärente Regionalpolitik des Bundes abstützt;</p><p>- die Schliessung von als "unrentabel" bezeichneten Postbüros auf ein striktes Minimum begrenzt wird, wobei nicht nur die finanziellen Kriterien der Post, sondern umfassendere Kriterien der Gleichheit der Bürger und auch die feste soziale Rolle, welche die Posthalter, Briefträger und anderen Angestellten dieses unersetzlichen öffentlichen Dienstes erfüllen, berücksichtigt werden sollen;</p><p>- nicht in kurzer Zeit ein öffentliches Dienstleistungsunternehmen niedergerissen wird, für dessen Aufbau die Schweiz Jahrzehnte gebraucht hat.</p>
    • Die Post nur für eine "rentable" Schweiz?

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