Rechtschreibreform stoppen
- ShortId
-
97.3097
- Id
-
19973097
- Updated
-
10.04.2024 17:37
- Language
-
de
- Title
-
Rechtschreibreform stoppen
- AdditionalIndexing
-
Korrespondenz;Terminologie;deutsche Sprache;Sprachwissenschaft;Sprachunterricht;Reform
- 1
-
- L04K16030111, Sprachwissenschaft
- L04K13020102, Sprachunterricht
- L04K12010304, Terminologie
- L05K0106010301, deutsche Sprache
- L04K08020310, Reform
- L03K020221, Korrespondenz
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>In weiten Teilen der deutschsprachigen Bevölkerung Deutschlands, Österreichs, Liechtensteins und der Schweiz wird die geplante Rechtschreibreform abgelehnt. Momentan laufen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern Unterschriftensammlungen, um Volksabstimmungen gegen die Rechtschreibreform durchzusetzen. In der Schweiz ist zu diesem Thema 1996 eine "Brückenbauer"-Umfrage unter der Beteiligung von 3034 Leuten gemacht worden - 91 Prozent sprachen sich gegen diese Rechtschreibreform aus. Immer mehr Leute beginnen gegen die Rechtschreibreform Sturm zu laufen. So konstituierte sich in Deutschland eine "Frankfurter Erklärung", unterstützt von prominenten Leuten wie etwa Siegfried Lenz, Martin Walser, Günter Grass, Ernst-Dieter Lueg und anderen mehr. Diese Bewegung findet zunehmend Rückhalt in der Bevölkerung. Germanisten, Schriftsteller, Autoren, Publizisten, Verlage, Buchhändler, Künstler, Bibliothekare, Kulturvereine, Deutschlehrer und immer mehr auch Politiker aller Schattierungen beginnen sich zu wehren.</p><p>Jetzt, da der Widerstand in Deutschland immer breiter wird und da sich in Österreich ebenfalls Widerstand formiert, muss dieses Problem auch in der Schweiz angegangen werden.</p><p>Es ist bedenklich, dass diese Rechtschreibreform von einer weitgehend anonymen, sogenannten Expertengruppe während Jahren in aller Stille vorbereitet wurde. Die Bevölkerungen der deutschsprachigen Länder wurden regelrecht überfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt. Sprache und Kultur darf man aber nicht einfach von oben herab verordnen, wie dies nun geschehen soll. Unbestritten ist, dass sich die Sprache wandelt. Neue Worte finden Eingang in die Sprache, und einzelne Worte werden auf eine andere Weise geschrieben usw. All dies entspricht einem normalen Sprachwandel, gegen den niemand etwas einzuwenden hat. Die neu über die Köpfe der Bevölkerung hinweg verordnete Sprache ist demgegenüber nicht historisch gewachsen, sondern eine Festlegung einiger Besserwisser, die ein elitäres Denken an den Tag legen. Die Durchführung einer solchen Sprachreform würde insgesamt mehrere Milliarden Franken kosten, die in diesen schweren Zeiten ohnehin niemand hat! Nicht nur der neue Duden macht's aus, sondern beispielsweise alle Schulbücher, die neu geschrieben und gedruckt werden müssten. Auch andere Druckerzeugnisse wie Bücher, Formulare usw. müssten neu erstellt werden. Mehrere Generationen von Menschen würden zudem sinnlos gezwungen, sich eine neue Sprache anzueignen. In der "Frankfurter Erklärung" wird gesagt, "dass diese Rechtschreibreform Millionen von Arbeitsstunden vergeudet, jahrzehntelange Verwirrung stiftet und dem Ansehen der deutschen Sprache schadet".</p>
- <p>Am 1. Juli 1996 haben Deutschland, Österreich, die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein sowie verschiedene Staaten mit deutschsprachigen Minderheiten in Wien eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, mit der sie ihre Absicht kundtun, sich in ihrem Wirkungsbereich für eine Reform der deutschen Rechtschreibung einzusetzen. Damit soll das 1902 geschaffene amtliche Regelwerk abgelöst werden.</p><p>Damals ging es in erster Linie darum, namentlich im Interesse der Schule eine einheitliche Rechtschreibung für das ganze deutsche Sprachgebiet herzustellen. Nicht weiterverfolgt werden konnte das Anliegen, auch für die Einfachheit der Rechtschreibung zu sorgen. Seit 1902 ist daher das Bemühen, die Rechtschreibung der deutschen Sprache einfacher zu gestalten, nicht erlahmt. Dies auch deshalb nicht, weil weitere Bearbeitungen, insbesondere in zahlreichen Auflagen der Dudenrechtschreibung, die Regelung von 1902 in vielen Bereichen unsystematisch aufgeschwellt, äusserst kompliziert und schwer erlernbar gemacht haben. Die Reform, die am 1. August 1998 in Kraft tritt, hat deshalb zum Ziel, die Rechtschreibung als Ganzes besser zu strukturieren, Inkonsequenzen zu beseitigen und die Regeln transparenter zu machen, damit sich künftig wieder mehr Menschen in ihrer Sprache sicher fühlen können. Sie ist indessen sehr massvoll, denn sie beschränkt sich weitgehend darauf, Unsicherheiten und Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und die viel zu hohe Zahl der Regeln abzubauen. Erste Erfahrungen in Schulen, die mit der Einführung bereits begonnen haben, zeigen, dass die Rechtschreibung mit den neuen Regeln tatsächlich einfacher wird, nimmt doch die Fehlerhäufigkeit deutlich ab.</p><p>Die Reform ist nicht, wie in der Begründung zur Motion ausgeführt wird, "in aller Stille" vorbereitet worden. Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, die sich für die Schweiz an den Bemühungen um eine Rechtschreibreform beteiligt hat, führte 1992 eine breite Konsultation zur Neuregelung durch, bei der alle interessierten Kreise begrüsst wurden (kulturelle und sprachwissenschaftliche Organisationen, Organisationen im Bereich Erziehung und Wissenschaft, Lehrervereinigungen, die pädagogische Presse, die Fachpresse und das Druckereigewerbe, die graphischen Berufe und die Publizitätswirtschaft). Die Rückmeldungen waren insgesamt sehr positiv. Ausserdem sind die Bemühungen um eine Rechtschreibreform über Jahre hinweg immer wieder in der Tages- und der Fachpresse dargestellt und breit diskutiert worden.</p><p>Im Zusammenhang mit der Frage Steffen "Bundesdeutsche Rechtschreibreform" vom 11. Dezember 1995 (95.5208; AB 1995 N 2450) wurde auch das Parlament direkt über die Beteiligung der Schweiz an der Reform unterrichtet.</p><p>Ebensowenig trifft die in der Begründung gemachte Behauptung zu, die Reform "würde insgesamt mehrere Milliarden Franken kosten". Für die Einführung der Reform wurde bewusst eine lange Übergangsfrist von sieben Jahren vorgesehen, damit namentlich Schulbücher, aber auch amtliche Schriften und Formulare im normalen Rhythmus erneuert werden können, so dass daraus keine zusätzlichen Kosten entstehen. Die bisher gemachten Erfahrungen der Schulbuchverlage, die bereits umgestellt haben, bestätigen die Richtigkeit dieser Annahme.</p><p>Es ist eine allgemeine menschliche Erfahrung, dass jede auch noch so gute Reform, die eine Änderung altvertrauter Gewohnheiten mit sich bringt, zunächst als unangenehm empfunden wird. Der Bundesrat ist deshalb über den Widerstand, der sich auch in Deutschland und in Österreich regt, nicht erstaunt. Es ist nicht an ihm, die Entwicklung in diesen Ländern zu beurteilen. Mit den Regierungen Deutschlands, Österreichs und des Fürstentums Liechtenstein ist er jedoch vom Sinn und der Anwendbarkeit der Neuregelung überzeugt und sieht keinen Anlass, auf Kosten namentlich der jungen Generation darauf zu verzichten.</p> Der Bundesrat beantragt, die Motion abzulehnen.
- <p>Es sind im Verwaltungsorganisationsgesetz und/oder in den Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung die rechtlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Schweiz bei der Rechtschreibreform nicht mitmacht.</p>
- Rechtschreibreform stoppen
- State
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Erledigt
- Related Affairs
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- Drafts
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-
- Index
- 0
- Texts
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- <p>In weiten Teilen der deutschsprachigen Bevölkerung Deutschlands, Österreichs, Liechtensteins und der Schweiz wird die geplante Rechtschreibreform abgelehnt. Momentan laufen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern Unterschriftensammlungen, um Volksabstimmungen gegen die Rechtschreibreform durchzusetzen. In der Schweiz ist zu diesem Thema 1996 eine "Brückenbauer"-Umfrage unter der Beteiligung von 3034 Leuten gemacht worden - 91 Prozent sprachen sich gegen diese Rechtschreibreform aus. Immer mehr Leute beginnen gegen die Rechtschreibreform Sturm zu laufen. So konstituierte sich in Deutschland eine "Frankfurter Erklärung", unterstützt von prominenten Leuten wie etwa Siegfried Lenz, Martin Walser, Günter Grass, Ernst-Dieter Lueg und anderen mehr. Diese Bewegung findet zunehmend Rückhalt in der Bevölkerung. Germanisten, Schriftsteller, Autoren, Publizisten, Verlage, Buchhändler, Künstler, Bibliothekare, Kulturvereine, Deutschlehrer und immer mehr auch Politiker aller Schattierungen beginnen sich zu wehren.</p><p>Jetzt, da der Widerstand in Deutschland immer breiter wird und da sich in Österreich ebenfalls Widerstand formiert, muss dieses Problem auch in der Schweiz angegangen werden.</p><p>Es ist bedenklich, dass diese Rechtschreibreform von einer weitgehend anonymen, sogenannten Expertengruppe während Jahren in aller Stille vorbereitet wurde. Die Bevölkerungen der deutschsprachigen Länder wurden regelrecht überfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt. Sprache und Kultur darf man aber nicht einfach von oben herab verordnen, wie dies nun geschehen soll. Unbestritten ist, dass sich die Sprache wandelt. Neue Worte finden Eingang in die Sprache, und einzelne Worte werden auf eine andere Weise geschrieben usw. All dies entspricht einem normalen Sprachwandel, gegen den niemand etwas einzuwenden hat. Die neu über die Köpfe der Bevölkerung hinweg verordnete Sprache ist demgegenüber nicht historisch gewachsen, sondern eine Festlegung einiger Besserwisser, die ein elitäres Denken an den Tag legen. Die Durchführung einer solchen Sprachreform würde insgesamt mehrere Milliarden Franken kosten, die in diesen schweren Zeiten ohnehin niemand hat! Nicht nur der neue Duden macht's aus, sondern beispielsweise alle Schulbücher, die neu geschrieben und gedruckt werden müssten. Auch andere Druckerzeugnisse wie Bücher, Formulare usw. müssten neu erstellt werden. Mehrere Generationen von Menschen würden zudem sinnlos gezwungen, sich eine neue Sprache anzueignen. In der "Frankfurter Erklärung" wird gesagt, "dass diese Rechtschreibreform Millionen von Arbeitsstunden vergeudet, jahrzehntelange Verwirrung stiftet und dem Ansehen der deutschen Sprache schadet".</p>
- <p>Am 1. Juli 1996 haben Deutschland, Österreich, die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein sowie verschiedene Staaten mit deutschsprachigen Minderheiten in Wien eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, mit der sie ihre Absicht kundtun, sich in ihrem Wirkungsbereich für eine Reform der deutschen Rechtschreibung einzusetzen. Damit soll das 1902 geschaffene amtliche Regelwerk abgelöst werden.</p><p>Damals ging es in erster Linie darum, namentlich im Interesse der Schule eine einheitliche Rechtschreibung für das ganze deutsche Sprachgebiet herzustellen. Nicht weiterverfolgt werden konnte das Anliegen, auch für die Einfachheit der Rechtschreibung zu sorgen. Seit 1902 ist daher das Bemühen, die Rechtschreibung der deutschen Sprache einfacher zu gestalten, nicht erlahmt. Dies auch deshalb nicht, weil weitere Bearbeitungen, insbesondere in zahlreichen Auflagen der Dudenrechtschreibung, die Regelung von 1902 in vielen Bereichen unsystematisch aufgeschwellt, äusserst kompliziert und schwer erlernbar gemacht haben. Die Reform, die am 1. August 1998 in Kraft tritt, hat deshalb zum Ziel, die Rechtschreibung als Ganzes besser zu strukturieren, Inkonsequenzen zu beseitigen und die Regeln transparenter zu machen, damit sich künftig wieder mehr Menschen in ihrer Sprache sicher fühlen können. Sie ist indessen sehr massvoll, denn sie beschränkt sich weitgehend darauf, Unsicherheiten und Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und die viel zu hohe Zahl der Regeln abzubauen. Erste Erfahrungen in Schulen, die mit der Einführung bereits begonnen haben, zeigen, dass die Rechtschreibung mit den neuen Regeln tatsächlich einfacher wird, nimmt doch die Fehlerhäufigkeit deutlich ab.</p><p>Die Reform ist nicht, wie in der Begründung zur Motion ausgeführt wird, "in aller Stille" vorbereitet worden. Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, die sich für die Schweiz an den Bemühungen um eine Rechtschreibreform beteiligt hat, führte 1992 eine breite Konsultation zur Neuregelung durch, bei der alle interessierten Kreise begrüsst wurden (kulturelle und sprachwissenschaftliche Organisationen, Organisationen im Bereich Erziehung und Wissenschaft, Lehrervereinigungen, die pädagogische Presse, die Fachpresse und das Druckereigewerbe, die graphischen Berufe und die Publizitätswirtschaft). Die Rückmeldungen waren insgesamt sehr positiv. Ausserdem sind die Bemühungen um eine Rechtschreibreform über Jahre hinweg immer wieder in der Tages- und der Fachpresse dargestellt und breit diskutiert worden.</p><p>Im Zusammenhang mit der Frage Steffen "Bundesdeutsche Rechtschreibreform" vom 11. Dezember 1995 (95.5208; AB 1995 N 2450) wurde auch das Parlament direkt über die Beteiligung der Schweiz an der Reform unterrichtet.</p><p>Ebensowenig trifft die in der Begründung gemachte Behauptung zu, die Reform "würde insgesamt mehrere Milliarden Franken kosten". Für die Einführung der Reform wurde bewusst eine lange Übergangsfrist von sieben Jahren vorgesehen, damit namentlich Schulbücher, aber auch amtliche Schriften und Formulare im normalen Rhythmus erneuert werden können, so dass daraus keine zusätzlichen Kosten entstehen. Die bisher gemachten Erfahrungen der Schulbuchverlage, die bereits umgestellt haben, bestätigen die Richtigkeit dieser Annahme.</p><p>Es ist eine allgemeine menschliche Erfahrung, dass jede auch noch so gute Reform, die eine Änderung altvertrauter Gewohnheiten mit sich bringt, zunächst als unangenehm empfunden wird. Der Bundesrat ist deshalb über den Widerstand, der sich auch in Deutschland und in Österreich regt, nicht erstaunt. Es ist nicht an ihm, die Entwicklung in diesen Ländern zu beurteilen. Mit den Regierungen Deutschlands, Österreichs und des Fürstentums Liechtenstein ist er jedoch vom Sinn und der Anwendbarkeit der Neuregelung überzeugt und sieht keinen Anlass, auf Kosten namentlich der jungen Generation darauf zu verzichten.</p> Der Bundesrat beantragt, die Motion abzulehnen.
- <p>Es sind im Verwaltungsorganisationsgesetz und/oder in den Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung die rechtlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Schweiz bei der Rechtschreibreform nicht mitmacht.</p>
- Rechtschreibreform stoppen
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