Englisch als Kommunikationssprache in der mehrsprachigen Schweiz?

ShortId
97.3459
Id
19973459
Updated
10.04.2024 08:45
Language
de
Title
Englisch als Kommunikationssprache in der mehrsprachigen Schweiz?
AdditionalIndexing
italienische Sprache;kulturelles Erbe;Mehrsprachigkeit;französische Sprache;rätoromanische Sprache;Sprachunterricht;Gesetz
1
  • L05K0106010306, Mehrsprachigkeit
  • L04K13020102, Sprachunterricht
  • L05K0106010304, französische Sprache
  • L04K01060301, kulturelles Erbe
  • L05K0106010305, italienische Sprache
  • L05K0106010307, rätoromanische Sprache
  • L05K0503010102, Gesetz
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Die englische Sprache erfreut sich, besonders bei den Jugendlichen, zunehmender Beliebtheit. Bereits in einer Rekrutenbefragung von 1985 erwähnten rund zwei Drittel der jungen Männer, dass sie in der Schule als erste Fremdsprache lieber Englisch statt Französisch bzw. Deutsch gelernt hätten. In einer vom Erziehungsrat des Kantons Zürich in Auftrag gegebenen Studie zum Französischunterricht an der Volksschule antworteten 1996 drei Viertel der befragten Schüler der oberen Klassen, dass sie statt Französisch lieber eine andere Fremdsprache - vor allem Englisch - lernen würden.</p><p>Im Kanton Zürich soll der Englischunterricht auf der Volksschulstufe sowie in den unteren Klassen der Langgymnasien obligatorisch werden. In seiner Vernehmlassung begründet der Erziehungsrat des Kantons Zürich diesen Schritt damit, dass sich die englische Sprache in zunehmendem Tempo ausgebreitet habe und auch in der Schweiz zur beliebtesten Fremdsprache geworden sei.</p><p>Die Einführung des obligatorischen Englischunterrichts hat nun zur Folge, dass wöchentlich eine Stunde weniger Französisch unterrichtet wird. Nachdem die Wochenstundenzahl bereits von fünf auf vier reduziert wurde, sollen neu pro Woche nur noch drei Wochenstunden Französisch erteilt werden.</p><p>Auch an den Gymnasien hat der Französischunterricht durch die Maturitätsreform in dramatischer Weise an Wochenstunden verloren, und an einzelnen Schulen kann das Fach Französisch sogar vorzeitig abgewählt werden. Aufgrund dieser Entwicklung wird ein massiver Niveauverlust in der Beherrschung der zweiten Landessprache unvermeidlich sein.</p><p>Eine hochgestellte Persönlichkeit der ETH Zürich erwähnte kürzlich im persönlichen Gespräch, an der ETH komme es häufig vor, dass Studentinnen und Studenten aus der Romandie mit Deutschschweizerinnen bzw. Deutschschweizern in englischer Sprache diskutierten. In Zukunft werde das wohl die Regel sein.</p>
  • <p>1. Mit der Revision des Sprachenartikels der Bundesverfassung (Art. 116 BV), die in der Volksabstimmung vom 10. März 1996 bei Volk und Ständen breite Zustimmung fand, wurde die Sprachenpolitik des Bundes, die auf der Viersprachigkeit des Landes gründet, in eindrücklicher Weise bestätigt. Daraus geht hervor, dass dem sprachlichen und kulturellen Reichtum unserer mehrsprachigen Staatsgemeinschaft für das nationale Selbstverständnis nach wie vor grosse staatspolitische Bedeutung zukommt. Die stets wachsende Bedeutung des Englischen als globale Kommunikationssprache stellt jedoch in der Tat eine Herausforderung an das schweizerische Modell der Mehrsprachigkeit dar. Die zunehmende Beliebtheit des Englischen hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Bildungssysteme. Es ist die Aufgabe aller staatlichen Stellen, diese Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und daraus aufgrund der jeweiligen Zuständigkeit die für das Zusammenleben einer mehrsprachigen Staatsgemeinschaft notwendigen Massnahmen zu ergreifen.</p><p>2. Der Bundesrat ist der Überzeugung, dass die Kommunikation in den Landessprachen zwischen den Sprachgemeinschaften einen bedeutenden Faktor der interkulturellen Verständigung darstellt. Ausreichende Kenntnisse einer zweiten bzw. dritten Landessprache erleichtern den Zugang zu den anderen Kulturgemeinschaften, ermöglichen den Austausch über die Sprachgrenzen hinweg und fördern damit den nationalen Zusammenhalt. Eine zunehmende Verdrängung der Landessprachen aus den Bildungsprogrammen zugunsten des Englischen hätte mit Sicherheit nachteilige Auswirkungen auf die interkulturelle Verständigung in der Schweiz.</p><p>Es gibt auch Indikatoren für eine Relativierung dieser Entwicklung. So hat z. B. eine Untersuchung der Volkszählungsergebnisse 1990 ergeben, dass in der deutschen Schweiz noch immer mehr Personen Französisch am Arbeitsplatz benützen als Englisch.</p><p>3. Die Schweiz ist, wie übrigens auch die Europäische Union, mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Einerseits muss sie die sprachliche und kulturelle Vielfalt erhalten, und andererseits muss sie ihren Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu den Informationen und Märkten der Welt ermöglichen. Der vermehrte Gebrauch des Englischen stellt zwar nicht eine unmittelbare Gefährdung der Sprachenvielfalt unseres Landes, aber eine zusätzliche Herausforderung für die mehrsprachige Schweiz dar. Es gilt, diese Herausforderung anzunehmen und geeignete Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der Sprachkompetenz in den Landessprachen zu treffen, ohne dabei dem Erlernen des Englischen als globaler Kommunikationssprache grundsätzliche Hindernisse in den Weg zu legen.</p><p>Der Bundesrat hat für jene Bereiche, in welchen der Bund für die Verwendung der Landes- bzw. Amtssprachen zuständig ist, konkrete Massnahmen getroffen. Die Verordnung vom 19. Juni 1995 regelt das Übersetzungswesen in der allgemeinen Bundesverwaltung. Dadurch wird die Kommunikation zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und dem Bund in den Amtssprachen sichergestellt. Den Angehörigen der lateinischen Sprachgemeinschaften wird in der Bundesverwaltung ermöglicht, in der Sprache ihrer Herkunft zu arbeiten. Mit den neuen Weisungen vom 19. Februar 1997 zur Förderung der Mehrsprachigkeit strebt der Bundesrat deutliche Verbesserungen in bezug sowohl auf die institutionelle als auch auf die individuelle Mehrsprachigkeit in der allgemeinen Bundesverwaltung an. Weitergehende Massnahmen werden im Rahmen der Umsetzung des Sprachenartikels der Bundesverfassung getroffen (siehe Ziff. 5 und 6).</p><p>Die Volksschule und grosse Teile der Sekundarstufe II sind Sache der Kantone. Aufgrund der aktuellen sprachlichen Entwicklung und der entsprechenden Herausforderung des Bildungsbereiches hat die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) einer Fachgruppe die Ausarbeitung eines Gesamtsprachenkonzepts in Auftrag gegeben, auf dessen Grundlage neue Empfehlungen an die Kantone formuliert werden sollen. Sollte Englisch als Pflichtfach eingeführt werden, darf dies nicht auf Kosten der Landessprachen geschehen. Der Bundesrat ist der Meinung, dass die Kenntnis und Beherrschung der Landessprachen eine grosse Chance darstellt und viel zum gegenseitigen Verständnis im nationalen und internationalen Bereich beitragen kann.</p><p>In der Maturitätsanerkennungsregelung von 1995 haben der Bund und die EDK den schweizerischen Landessprachen gegenüber dem Englischen insofern eine Vorrangstellung eingeräumt, als die Gymnasien zwingend alle Landessprachen als Maturfächer anbieten müssen. Englisch hingegen kann, muss aber nicht, als Maturfach angeboten werden.</p><p>4. Als Anstalten des Bundes leisten die beiden ETH in Zürich und Lausanne und die mit ihnen verbundenen vier Forschungsanstalten Paul-Scherrer-Institut, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt und Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz einen grossen Beitrag zum Erhalt der Mehrsprachigkeit in der Schweiz.</p><p>So wird an beiden Hochschulen in deutscher und französischer Sprache unterrichtet. Manche Deutschschweizer Maturanden ziehen die ETH Lausanne der ETH Zürich vor, weil sie neben dem Studium sozusagen gratis die zweite Amtssprache perfektionieren können. Die beiden ETH fördern den Austausch von Studierenden, welche ein Semester oder Studienjahr an der Schwesterhochschule verbringen können, ohne damit ihre Studienzeit zu verlängern.</p><p>Die ETH Zürich führt eine sehr aktive und vielfältige Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Besuch von Veranstaltungen dieser Abteilung ist für alle Diplomierenden obligatorisch. Im Angebot finden sich z. B. Vorlesungen über deutsche, französische, italienische, rätoromanische und englische Literatur, allgemeine Geschichte, Schweizergeschichte, Wissenschaftsgeschichte und -philosophie.</p><p>Den eigenständigen Sprachregionen trägt auch die Gliederung des ETH-Bereiches Rechnung. So befindet sich z. B. das Centro Svizzero di Calcolo Scientifico, eine Forschungseinheit der ETH Zürich, in Manno/TI. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft stellt durch ihre Einrichtungen Antenne romande (in Ecublens) und Sottostazione Sud delle Alpi (in Bellinzona) sicher, dass sowohl die Bedürfnisse der Westschweiz und des Tessins in die Forschung einfliessen als auch deren Resultate allen Landesgegenden zur Nutzung zur Verfügung stehen.</p><p>Schliesslich fördert der ETH-Bereich zusammen mit den kantonalen Hochschulen und den wissenschaftlichen Akademien durch die Beteiligung an der Zeitschrift "Vision", welche deutsch und französisch erscheint, über die Sprachgrenzen hinweg die gesamtschweizerische Diskussion auf den Gebieten Bildung, Wissenschaft und Technologie.</p><p>5. Mit dem Legislaturplan 1995-1999 hat der Bundesrat dem Departement des Innern (Bundesamt für Kultur) die Vorbereitung eines Amtssprachengesetzes sowie eines Gesetzes betreffend die Förderung der Verständigung und des Austausches zwischen den Sprachgemeinschaften in Auftrag gegeben. Es ist vorgesehen, den Entwurf für das Amtssprachengesetz 1998 in die Vernehmlassung zu schicken und bis Ende Jahr zuhanden des Parlamentes zu verabschieden.</p><p>Für die Vorbereitung eines Gesetzes betreffend die Verständigung und den Austausch sind umfangreiche Vorarbeiten zu leisten. In diesem Zusammenhang wurde auch die "Punts"-Tagung 1996 durchgeführt, die den Handlungsbedarf aus der Sicht der um Verständigung und Austausch bemühten Organisationen und Institutionen in einem umfassenden Massnahmenkatalog offengelegt hat. Die Erarbeitung eines Konzeptes für ein Verständigungsgesetz setzt aber auch voraus, dass vertiefte Aussprachen mit jenen Institutionen durchgeführt werden, denen für die Umsetzung von konkreten Massnahmen zentrale Bedeutung zukommt, namentlich mit Vertretungen der Printmedien, des Bildungsbereiches, der Wirtschaft, der Jugendverbände sowie von Institutionen, die bislang im Bereich Austausch tätig sind. Die Vorarbeiten dauern voraussichtlich bis Ende 1998. Die Resultate werden vom Bundesamt für Kultur auf diesen Zeitpunkt hin in einem Bericht zusammengefasst.</p><p>6. Aufgrund des Beschlusses des Nationalrates vom 16. März 1994 hat der Bundesrat auch den Auftrag erhalten, in das genannte Gesetz die parlamentarische Initiative Robert vom 18. Dezember 1992 "Förderung der zweisprachigen Erziehung" einzubeziehen. Die im Hinblick auf das Gesetz zu treffenden Abklärungen werden auch darüber Aufschluss geben, inwieweit der Bund Massnahmen zur Förderung von innovativen Sprachunterrichtsmethoden unterstützen kann oder soll. Der Grundsatzentscheid für die Einführung von neuen, in der Praxis bereits bewährten Unterrichtsmethoden liegt jedoch bei den Kantonen.</p> Antwort des Bundesrates.
  • <p>Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Wie beurteilt der Bundesrat diese Entwicklung?</p><p>2. Welche staats- und gesellschaftspolitischen Konsequenzen sind - nach Ansicht des Bundesrates - zu erwarten, wenn das Englische als erste Fremdsprache der Schweizerinnen und Schweizer zunehmend die zweite Landessprache verdrängt?</p><p>3. Ist der Bundesrat nicht auch der Ansicht, dass die kulturelle Vielfalt und die Mehrsprachigkeit der Schweiz unser wertvollstes Gut darstellen, das viel zuwenig genutzt wird, insbesondere auch im Zuge der Globalisierung der Wirtschaft?</p><p>Wie will der Bundesrat erreichen, dass die Einwohner der Schweiz neben der englischen Sprache auch solide Kenntnisse in einer bis zwei Landessprachen erwerben?</p><p>4. Welchen Beitrag leisten die ETH Zürich und die EPF Lausanne in bezug auf den Kontakt und den Austausch zwischen den Sprachregionen? Wie werden das Italienische und Rätoromanische einbezogen?</p><p>5. Welches ist der Stand der Vorarbeiten zum Rahmengesetz zur Umsetzung des neuen Sprachenartikels 116 der Bundesverfassung?</p><p>6. Anlässlich einer Tagung in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur in Freiburg im Juni 1996 ("Punts-Ponti-Ponts-Brücken") wurde ein Massnahmenkatalog ausgearbeitet. Darin wird zur Förderung der Kenntnisse der Landessprachen u. a. ein zweisprachiger Unterricht auf allen Stufen gefordert.</p><p>Ist der Bundesrat nicht auch der Meinung, dass ein solcher Unterricht in der Schweiz relativ einfach organisiert werden könnte und in idealer Weise geeignet wäre, die Mehrsprachigkeit der Schweiz zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen und zudem einen bedeutenden Standortvorteil auch für die Schweizer Wirtschaft darstellen würde?</p>
  • Englisch als Kommunikationssprache in der mehrsprachigen Schweiz?
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Die englische Sprache erfreut sich, besonders bei den Jugendlichen, zunehmender Beliebtheit. Bereits in einer Rekrutenbefragung von 1985 erwähnten rund zwei Drittel der jungen Männer, dass sie in der Schule als erste Fremdsprache lieber Englisch statt Französisch bzw. Deutsch gelernt hätten. In einer vom Erziehungsrat des Kantons Zürich in Auftrag gegebenen Studie zum Französischunterricht an der Volksschule antworteten 1996 drei Viertel der befragten Schüler der oberen Klassen, dass sie statt Französisch lieber eine andere Fremdsprache - vor allem Englisch - lernen würden.</p><p>Im Kanton Zürich soll der Englischunterricht auf der Volksschulstufe sowie in den unteren Klassen der Langgymnasien obligatorisch werden. In seiner Vernehmlassung begründet der Erziehungsrat des Kantons Zürich diesen Schritt damit, dass sich die englische Sprache in zunehmendem Tempo ausgebreitet habe und auch in der Schweiz zur beliebtesten Fremdsprache geworden sei.</p><p>Die Einführung des obligatorischen Englischunterrichts hat nun zur Folge, dass wöchentlich eine Stunde weniger Französisch unterrichtet wird. Nachdem die Wochenstundenzahl bereits von fünf auf vier reduziert wurde, sollen neu pro Woche nur noch drei Wochenstunden Französisch erteilt werden.</p><p>Auch an den Gymnasien hat der Französischunterricht durch die Maturitätsreform in dramatischer Weise an Wochenstunden verloren, und an einzelnen Schulen kann das Fach Französisch sogar vorzeitig abgewählt werden. Aufgrund dieser Entwicklung wird ein massiver Niveauverlust in der Beherrschung der zweiten Landessprache unvermeidlich sein.</p><p>Eine hochgestellte Persönlichkeit der ETH Zürich erwähnte kürzlich im persönlichen Gespräch, an der ETH komme es häufig vor, dass Studentinnen und Studenten aus der Romandie mit Deutschschweizerinnen bzw. Deutschschweizern in englischer Sprache diskutierten. In Zukunft werde das wohl die Regel sein.</p>
    • <p>1. Mit der Revision des Sprachenartikels der Bundesverfassung (Art. 116 BV), die in der Volksabstimmung vom 10. März 1996 bei Volk und Ständen breite Zustimmung fand, wurde die Sprachenpolitik des Bundes, die auf der Viersprachigkeit des Landes gründet, in eindrücklicher Weise bestätigt. Daraus geht hervor, dass dem sprachlichen und kulturellen Reichtum unserer mehrsprachigen Staatsgemeinschaft für das nationale Selbstverständnis nach wie vor grosse staatspolitische Bedeutung zukommt. Die stets wachsende Bedeutung des Englischen als globale Kommunikationssprache stellt jedoch in der Tat eine Herausforderung an das schweizerische Modell der Mehrsprachigkeit dar. Die zunehmende Beliebtheit des Englischen hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Bildungssysteme. Es ist die Aufgabe aller staatlichen Stellen, diese Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und daraus aufgrund der jeweiligen Zuständigkeit die für das Zusammenleben einer mehrsprachigen Staatsgemeinschaft notwendigen Massnahmen zu ergreifen.</p><p>2. Der Bundesrat ist der Überzeugung, dass die Kommunikation in den Landessprachen zwischen den Sprachgemeinschaften einen bedeutenden Faktor der interkulturellen Verständigung darstellt. Ausreichende Kenntnisse einer zweiten bzw. dritten Landessprache erleichtern den Zugang zu den anderen Kulturgemeinschaften, ermöglichen den Austausch über die Sprachgrenzen hinweg und fördern damit den nationalen Zusammenhalt. Eine zunehmende Verdrängung der Landessprachen aus den Bildungsprogrammen zugunsten des Englischen hätte mit Sicherheit nachteilige Auswirkungen auf die interkulturelle Verständigung in der Schweiz.</p><p>Es gibt auch Indikatoren für eine Relativierung dieser Entwicklung. So hat z. B. eine Untersuchung der Volkszählungsergebnisse 1990 ergeben, dass in der deutschen Schweiz noch immer mehr Personen Französisch am Arbeitsplatz benützen als Englisch.</p><p>3. Die Schweiz ist, wie übrigens auch die Europäische Union, mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Einerseits muss sie die sprachliche und kulturelle Vielfalt erhalten, und andererseits muss sie ihren Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu den Informationen und Märkten der Welt ermöglichen. Der vermehrte Gebrauch des Englischen stellt zwar nicht eine unmittelbare Gefährdung der Sprachenvielfalt unseres Landes, aber eine zusätzliche Herausforderung für die mehrsprachige Schweiz dar. Es gilt, diese Herausforderung anzunehmen und geeignete Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der Sprachkompetenz in den Landessprachen zu treffen, ohne dabei dem Erlernen des Englischen als globaler Kommunikationssprache grundsätzliche Hindernisse in den Weg zu legen.</p><p>Der Bundesrat hat für jene Bereiche, in welchen der Bund für die Verwendung der Landes- bzw. Amtssprachen zuständig ist, konkrete Massnahmen getroffen. Die Verordnung vom 19. Juni 1995 regelt das Übersetzungswesen in der allgemeinen Bundesverwaltung. Dadurch wird die Kommunikation zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und dem Bund in den Amtssprachen sichergestellt. Den Angehörigen der lateinischen Sprachgemeinschaften wird in der Bundesverwaltung ermöglicht, in der Sprache ihrer Herkunft zu arbeiten. Mit den neuen Weisungen vom 19. Februar 1997 zur Förderung der Mehrsprachigkeit strebt der Bundesrat deutliche Verbesserungen in bezug sowohl auf die institutionelle als auch auf die individuelle Mehrsprachigkeit in der allgemeinen Bundesverwaltung an. Weitergehende Massnahmen werden im Rahmen der Umsetzung des Sprachenartikels der Bundesverfassung getroffen (siehe Ziff. 5 und 6).</p><p>Die Volksschule und grosse Teile der Sekundarstufe II sind Sache der Kantone. Aufgrund der aktuellen sprachlichen Entwicklung und der entsprechenden Herausforderung des Bildungsbereiches hat die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) einer Fachgruppe die Ausarbeitung eines Gesamtsprachenkonzepts in Auftrag gegeben, auf dessen Grundlage neue Empfehlungen an die Kantone formuliert werden sollen. Sollte Englisch als Pflichtfach eingeführt werden, darf dies nicht auf Kosten der Landessprachen geschehen. Der Bundesrat ist der Meinung, dass die Kenntnis und Beherrschung der Landessprachen eine grosse Chance darstellt und viel zum gegenseitigen Verständnis im nationalen und internationalen Bereich beitragen kann.</p><p>In der Maturitätsanerkennungsregelung von 1995 haben der Bund und die EDK den schweizerischen Landessprachen gegenüber dem Englischen insofern eine Vorrangstellung eingeräumt, als die Gymnasien zwingend alle Landessprachen als Maturfächer anbieten müssen. Englisch hingegen kann, muss aber nicht, als Maturfach angeboten werden.</p><p>4. Als Anstalten des Bundes leisten die beiden ETH in Zürich und Lausanne und die mit ihnen verbundenen vier Forschungsanstalten Paul-Scherrer-Institut, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt und Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz einen grossen Beitrag zum Erhalt der Mehrsprachigkeit in der Schweiz.</p><p>So wird an beiden Hochschulen in deutscher und französischer Sprache unterrichtet. Manche Deutschschweizer Maturanden ziehen die ETH Lausanne der ETH Zürich vor, weil sie neben dem Studium sozusagen gratis die zweite Amtssprache perfektionieren können. Die beiden ETH fördern den Austausch von Studierenden, welche ein Semester oder Studienjahr an der Schwesterhochschule verbringen können, ohne damit ihre Studienzeit zu verlängern.</p><p>Die ETH Zürich führt eine sehr aktive und vielfältige Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Besuch von Veranstaltungen dieser Abteilung ist für alle Diplomierenden obligatorisch. Im Angebot finden sich z. B. Vorlesungen über deutsche, französische, italienische, rätoromanische und englische Literatur, allgemeine Geschichte, Schweizergeschichte, Wissenschaftsgeschichte und -philosophie.</p><p>Den eigenständigen Sprachregionen trägt auch die Gliederung des ETH-Bereiches Rechnung. So befindet sich z. B. das Centro Svizzero di Calcolo Scientifico, eine Forschungseinheit der ETH Zürich, in Manno/TI. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft stellt durch ihre Einrichtungen Antenne romande (in Ecublens) und Sottostazione Sud delle Alpi (in Bellinzona) sicher, dass sowohl die Bedürfnisse der Westschweiz und des Tessins in die Forschung einfliessen als auch deren Resultate allen Landesgegenden zur Nutzung zur Verfügung stehen.</p><p>Schliesslich fördert der ETH-Bereich zusammen mit den kantonalen Hochschulen und den wissenschaftlichen Akademien durch die Beteiligung an der Zeitschrift "Vision", welche deutsch und französisch erscheint, über die Sprachgrenzen hinweg die gesamtschweizerische Diskussion auf den Gebieten Bildung, Wissenschaft und Technologie.</p><p>5. Mit dem Legislaturplan 1995-1999 hat der Bundesrat dem Departement des Innern (Bundesamt für Kultur) die Vorbereitung eines Amtssprachengesetzes sowie eines Gesetzes betreffend die Förderung der Verständigung und des Austausches zwischen den Sprachgemeinschaften in Auftrag gegeben. Es ist vorgesehen, den Entwurf für das Amtssprachengesetz 1998 in die Vernehmlassung zu schicken und bis Ende Jahr zuhanden des Parlamentes zu verabschieden.</p><p>Für die Vorbereitung eines Gesetzes betreffend die Verständigung und den Austausch sind umfangreiche Vorarbeiten zu leisten. In diesem Zusammenhang wurde auch die "Punts"-Tagung 1996 durchgeführt, die den Handlungsbedarf aus der Sicht der um Verständigung und Austausch bemühten Organisationen und Institutionen in einem umfassenden Massnahmenkatalog offengelegt hat. Die Erarbeitung eines Konzeptes für ein Verständigungsgesetz setzt aber auch voraus, dass vertiefte Aussprachen mit jenen Institutionen durchgeführt werden, denen für die Umsetzung von konkreten Massnahmen zentrale Bedeutung zukommt, namentlich mit Vertretungen der Printmedien, des Bildungsbereiches, der Wirtschaft, der Jugendverbände sowie von Institutionen, die bislang im Bereich Austausch tätig sind. Die Vorarbeiten dauern voraussichtlich bis Ende 1998. Die Resultate werden vom Bundesamt für Kultur auf diesen Zeitpunkt hin in einem Bericht zusammengefasst.</p><p>6. Aufgrund des Beschlusses des Nationalrates vom 16. März 1994 hat der Bundesrat auch den Auftrag erhalten, in das genannte Gesetz die parlamentarische Initiative Robert vom 18. Dezember 1992 "Förderung der zweisprachigen Erziehung" einzubeziehen. Die im Hinblick auf das Gesetz zu treffenden Abklärungen werden auch darüber Aufschluss geben, inwieweit der Bund Massnahmen zur Förderung von innovativen Sprachunterrichtsmethoden unterstützen kann oder soll. Der Grundsatzentscheid für die Einführung von neuen, in der Praxis bereits bewährten Unterrichtsmethoden liegt jedoch bei den Kantonen.</p> Antwort des Bundesrates.
    • <p>Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Wie beurteilt der Bundesrat diese Entwicklung?</p><p>2. Welche staats- und gesellschaftspolitischen Konsequenzen sind - nach Ansicht des Bundesrates - zu erwarten, wenn das Englische als erste Fremdsprache der Schweizerinnen und Schweizer zunehmend die zweite Landessprache verdrängt?</p><p>3. Ist der Bundesrat nicht auch der Ansicht, dass die kulturelle Vielfalt und die Mehrsprachigkeit der Schweiz unser wertvollstes Gut darstellen, das viel zuwenig genutzt wird, insbesondere auch im Zuge der Globalisierung der Wirtschaft?</p><p>Wie will der Bundesrat erreichen, dass die Einwohner der Schweiz neben der englischen Sprache auch solide Kenntnisse in einer bis zwei Landessprachen erwerben?</p><p>4. Welchen Beitrag leisten die ETH Zürich und die EPF Lausanne in bezug auf den Kontakt und den Austausch zwischen den Sprachregionen? Wie werden das Italienische und Rätoromanische einbezogen?</p><p>5. Welches ist der Stand der Vorarbeiten zum Rahmengesetz zur Umsetzung des neuen Sprachenartikels 116 der Bundesverfassung?</p><p>6. Anlässlich einer Tagung in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur in Freiburg im Juni 1996 ("Punts-Ponti-Ponts-Brücken") wurde ein Massnahmenkatalog ausgearbeitet. Darin wird zur Förderung der Kenntnisse der Landessprachen u. a. ein zweisprachiger Unterricht auf allen Stufen gefordert.</p><p>Ist der Bundesrat nicht auch der Meinung, dass ein solcher Unterricht in der Schweiz relativ einfach organisiert werden könnte und in idealer Weise geeignet wäre, die Mehrsprachigkeit der Schweiz zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen und zudem einen bedeutenden Standortvorteil auch für die Schweizer Wirtschaft darstellen würde?</p>
    • Englisch als Kommunikationssprache in der mehrsprachigen Schweiz?

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