Lehrstuhl Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung
- ShortId
-
98.3387
- Id
-
19983387
- Updated
-
25.06.2025 02:24
- Language
-
de
- Title
-
Lehrstuhl Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung
- AdditionalIndexing
-
Studium;Hochschulförderung;Berufspädagogik;Weiterbildung;Forschungsförderung;berufliche Bildung
- 1
-
- L04K13020110, Studium
- L03K130202, berufliche Bildung
- L04K13030203, Weiterbildung
- L05K1603010201, Berufspädagogik
- L04K16020204, Forschungsförderung
- L05K1302050103, Hochschulförderung
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>Berufs- und Weiterbildung dienen einerseits der Arbeitsmarktfähigkeit und der Sicherung der ökonomischen Existenz, anderseits tragen sie dazu bei, dass wir Menschen dem gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel gewachsen sind und ihn aktiv mitgestalten können. Wer die Berufsbildung fördern will, muss in die Berufsbildung investieren. Obwohl die Berufsbildungsforschung im heutigen Berufsbildungsgesetz verankert ist, fehlt eine koordinierte kontinuierliche Forschungspraxis in der Schweiz - im Gegensatz z. B. zu Deutschland - fast völlig. In Deutschland arbeiten rund 1000 Forscher in rund 60 Institutionen in der Berufsbildungsforschung, in der Schweiz gibt es keinen einzigen universitären Berufsbildungslehrstuhl (L. Alex, Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin; Referat über die aktuelle Situation und Entwicklung der Berufsbildungsforschung in Deutschland, gehalten an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 1998, Lausanne). Auch die Evaluation des Lehrstellenbeschlusses I hat einmal mehr gezeigt, dass ein grosser Nachholbedarf besteht an Daten und Wissen über die Berufsbildung (M. Gertsch und K. Weber, "Lehrstellenbeschluss I. Erfolgs- und andere Geschichten", Universität Bern, Koordinationsstelle für Weiterbildung, 31. August 1998). Allzulange wurden Berufsbildung und Weiterbildung als selbstlaufend betrachtet, bis die heutige Krise in einem neuen globalisierten wirtschaftlichen Umfeld aufzeigte, dass in Berufs- und Weiterbildung tiefgreifende Reformen notwendig sind. Seriöse Reformen können aber nur angepackt werden, wenn sie auf einer fundierten wissenschaftlichen Grundlage stehen, losgelöst von kurzfristigen Verbands- und anderen Interessen.</p><p>Die Krise der Berufsbildung hat sich in letzter Zeit daran manifestiert, dass in den Biga-Berufen eine eigentliche Lehstellenknappheit herrscht und dass gleichzeitig der Weg über die Mittelschule für viele Jugendliche attraktiver geworden ist. Die Berufslehre ist aber immer noch zukunftsfähig, weil sie neu den Zugang über die Berufsmatura zur Fachhochschule/Hochschule ermöglicht; weil die Kombination von schulischem Unterricht und Einsatz im Betrieb ein wirkungsvolles Instrument zum Aufbau arbeitsnaher Kompetenzen ist (B. Hotz-Hart und C. Küchler, "Technologie: Herausforderung und Chance für die Beschäftigung", Mitteilungsblatt für Konjunkturfragen Nr. 4/96) und als signifikanter Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte gilt, und weil die Berufsbildung Jugendarbeitslosigkeit verhindert ("Lob der Lehre", "Cash" Nr. 49 vom 5. Dezember 1997). Internationale vergleichende Tests in Naturwissenschaften und Mathematik machen deutlich, dass die duale Berufsbildung sehr leistungsfähig ist. Obwohl in anderen Ländern die Zahl der Gymnasiasten sehr viel höher ist, schneiden die 20jährigen Schweizer, die zu 70 Prozent eine Berufslehre besuchen, überdurchschnittlich gut ab - die Schweizerinnen leider nicht (M. Somm, "Mit ihnen ist zu rechnen", "Tages-Anzeiger" vom 26. Februar 1998).</p><p>Krise in der Weiterbildung: Die Erstausbildung kann die Menschen bekanntlich nicht mehr mit den Qualifikationen versehen, die sie fürs ganze Leben brauchen. Der rasche Strukturwandel in der Arbeitswelt verschiebt das Gewicht von der Erstausbildung zur Weiterbildung. Rekurrentes Lernen und sich schnell den veränderten Gegebenheiten anpassende Weiterbildung sind unerlässlich für Beschäftigte innovativer Unternehmen in einer lernenden, sich entwickelnden Wirtschaftsgesellschaft. Rund die Hälfte der Erwerbstätigen übte 1990 einen anderen als den erlernten Beruf aus (Eidgenössische Volkszählung 1990; R. Schräder-Naef, "Warum Erwachsene (nicht) lernen", 1997). Gut ausgebildete bilden sich überdurchschnittlich gut weiter. Aber zu viele Menschen beteiligen sich nicht an der Weiterbildung; zwischen 1988 und 1993 haben rund 60 Prozent keine Weiterbildung betrieben ("Weiterbildung in der Schweiz", Bundesamt für Statistik, 1997). Der Anteil von 20 Prozent der Arbeitnehmer, die keine nachobligatorische Ausbildung haben, ist für eine Industrienation wie die Schweiz deutlich zu hoch und bedeutet volkswirtschaftlich gesehen ein grosses Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz als "Knowledge-based economy" (A. Borkowsky, "Bildung und Berufsbildung: Kennziffern und Zusammenhänge", "Volkswirtschaft" Nr. 5/97). Die Arbeitslosigkeit ist - gemessen an der hohen Zahl schlecht Qualifizierter - relativ tief und könnte schnell höher werden (St. C. Wolter und B. Knuchel, "Bildung für Erwerbstätige - Arbeit für Arbeitslose", "Volkswirtschaft" Nr. 5/97). In der Schweiz hat es einen Mangel an qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften (M. Hausheer, "Für Spezialisten sind alle Kanäle offen", "SonntagsZeitung" vom 9. März 1997). Anhand der Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Arbeit und des EDV-Stellenvermittlers Computer Brainware Advisors fehlen in der Schweiz beispielsweise rund 10 000 bis 12 000 Informatiker (A. Heer, "Gesucht: EDV-Spezialisten", "Tages-Anzeiger" vom 9. März 1998). Auch im Alter nimmt in der Schweiz die Weiterbildungsbeteiligung ab, währenddem sie z. B. in Schweden gleich bleibt. Ausländer werden schlecht integriert und sind oft ganz ausgeschlossen. Als einzigartig gilt im internationalen Vergleich, dass Frauen in der Schweiz in der Regel ihre Weiterbildung selber bezahlen, Männer jedoch von ihren Arbeitgebern finanziert werden (S. Wagner, Referat über die Verbesserung der Wirksamkeit von Weiterbildung, gehalten an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 98, Lausanne). Wenn die Schweiz die Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen beim wertvollen Humankapital vernachlässigt, verliert sie ihre Wettbewerbsfähigkeit bei den zukunftsträchtigen Produkten, Fertigungsprozessen und Wirtschaftssektoren (H. Schelbert, "Hochschulweiterbildung zwischen Markt und öffentlichem Auftrag", Referat 1998).</p><p>Wir brauchen prospektive Forschung und Planung in bezug auf die Technologiefelder und Berufe der Zukunft. Die Schweiz sollte ihre Forschungstätigkeit auf vielen Feldern verstärken, die heute brachliegen, und zwar u. a. um: die Effektivität und Effizienz der Massnahmen in der beruflichen Grund- und Weiterbildung zu erhöhen und deren Qualität zu evaluieren und zu sichern; die Bildungs- und Weiterbildungsbeteiligung bzw. Nichtbeteiligung zu erforschen und gegebenenfalls zu verändern; Gender-Fragen einzubeziehen; Vergleiche mit dem Ausland anzustellen; die Weiterbildungsbedürfnisse zu eruieren; Stärken, Defizite und Kohärenzprobleme des Bildungsstandortes Schweiz zu erheben und geeignete Massnahmen einzuleiten, methodisch-didaktische und lernpsychologische Fragen zu beantworten.</p><p>Im Berufsfeld sind heute qualifizierte, flexible, team-, entwicklungs- und lernfähige Berufsleute gefragt, die interdisziplinär denken; wissen, wie sie sich neues Wissen aneignen können; über methodische und kognitive sowie analytische und synthetische Fähigkeiten verfügen und sich bei Unbestimmtheit und Komplexität orientieren können. Landwehr nennt als Entwicklungstendenz im beruflichen Lernen als fachlich-inhaltlichen Ausbildungsschwerpunkt die Vermittlung eines selbständig verfügbaren Handlungswissens, das auf neue bzw. veränderte Situationen übertragbar ist (N. Landwehr, "Zehn Entwicklungstendenzen im beruflichen Lernen", "Pädagogische Arbeitsstelle", September 1995, Aarau). Lernen in der künftigen Informationsgesellschaft wird mit ganz neuen lerndidaktischen Methoden inszeniert werden, wie z. B. mit dem problemorientierten Lernen, das gleichzeitig die Problemlösungsfähigkeiten und die Schlüsselqualifikationen fördert unter Zuhilfenahme einer multimedial starken Lernumgebung, wie dies z. B. an niederländischen Fachhochschulen erfolgreich vorgelebt wird. Die Merkmale der europaweiten beruflichen Kompatibilität nach der Grundausbildung sind Flexibilisierung, Modularisierung und Akkreditierung von Teilkompetenzen, die in individuellen beruflichen Portfolios zusammengefasst werden. In all diesen Fragen muss die Forschung den Weg in die Zukunft vorbereiten. Der Lehrstuhl sollte analog zum Ausland im Fachbereich Berufspädagogik angesiedelt werden, in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften und anderen Disziplinen.</p><p>In Deutschland ist die Berufsbildungsforschung eine Integrationswissenschaft, die ein sehr breites Gebiet aus den verschiedensten Disziplinen umfasst. Folgende zehn Themenfelder stehen im Vordergrund: 1. Arbeitsmarkt, Beruf, Qualifikation; 2. Erziehungswissenschaftliche Grundlagen; 3. Bildungs- und Berufsbildungspolitik; 4. Internationale Zusammenarbeit; 5. Berufsvorbereitung; 6. Berufliches Schulwesen; 7. Betriebliche und überbetriebliche Ausbildung; 8. Weiterbildung, Erwachsenenbildung, Fernunterricht; 9. Personal in der Berufsbildung; 10. Besondere Gruppen (L. Alex, Referat an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 1998, Lausanne).</p><p>Natürlich kann davon ausgegangen werden, dass Ausbildungsinstitutionen, die Berufsschulkräfte ausbilden - wie z. B. das Schweizerische Institut für Berufspädagogik, das Berufsschullehrkräfte im bisherigen Biga-Bereich ausbildet, oder die Kaderschule SRK, Aarau, die Berufsschullehrkräfte im Gesundheitswesen ausbildet - die angewandte Berufsbildungsforschung und -entwicklung sowie Dienstleistungen, die sie teilweise heute schon betreiben, in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Praxisfeld weiterführen werden. Darüber hinaus braucht es aber auf universitärer Ebene eine Grundlagenforschung, die relevantes Wissen auf nationaler und internationaler Ebene erarbeitet, sammelt, koordiniert, publiziert und die höchsten Standards genügen muss, Kontinuität bietet und mit der internationalen "scientific community" vernetzt ist, die sich mit Fragen der Berufsbildung und Weiterbildung beschäftigt. Es werden heute schon interessante Forschungsarbeiten gemacht in der Schweiz, z. B. im Rahmen des Nationalfonds-Forschungsprogramms 33, das sich mit der Wirksamkeit von Bildung beschäftigt. Aber bisher ist niemand dafür zuständig, zu koordinieren, den Transfer voranzutreiben und Forschungsschwerpunkte zu bestimmen, die den heutigen und künftigen Erfordernissen von Berufs- und Weiterbildung gerecht werden. Forschung und Entwicklung in der Berufs- und Weiterbildung sind unerlässlich für die Zukunft des Ausbildungs- und Wirtschaftsstandortes Schweiz.</p>
- Der Bundesrat ist bereit, das Postulat entgegenzunehmen.
- <p>Der Bundesrat wird aufgefordert, sich im Rahmen der Hochschulförderung (Hochschulen, Fachhochschulen) für eine Systematisierung, Koordination und Konzentration der Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung einzusetzen, indem er die Schaffung eines universitären Lehrstuhls mit aller Kraft vorantreibt.</p>
- Lehrstuhl Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung
- State
-
Erledigt
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
-
- <p>Berufs- und Weiterbildung dienen einerseits der Arbeitsmarktfähigkeit und der Sicherung der ökonomischen Existenz, anderseits tragen sie dazu bei, dass wir Menschen dem gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel gewachsen sind und ihn aktiv mitgestalten können. Wer die Berufsbildung fördern will, muss in die Berufsbildung investieren. Obwohl die Berufsbildungsforschung im heutigen Berufsbildungsgesetz verankert ist, fehlt eine koordinierte kontinuierliche Forschungspraxis in der Schweiz - im Gegensatz z. B. zu Deutschland - fast völlig. In Deutschland arbeiten rund 1000 Forscher in rund 60 Institutionen in der Berufsbildungsforschung, in der Schweiz gibt es keinen einzigen universitären Berufsbildungslehrstuhl (L. Alex, Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin; Referat über die aktuelle Situation und Entwicklung der Berufsbildungsforschung in Deutschland, gehalten an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 1998, Lausanne). Auch die Evaluation des Lehrstellenbeschlusses I hat einmal mehr gezeigt, dass ein grosser Nachholbedarf besteht an Daten und Wissen über die Berufsbildung (M. Gertsch und K. Weber, "Lehrstellenbeschluss I. Erfolgs- und andere Geschichten", Universität Bern, Koordinationsstelle für Weiterbildung, 31. August 1998). Allzulange wurden Berufsbildung und Weiterbildung als selbstlaufend betrachtet, bis die heutige Krise in einem neuen globalisierten wirtschaftlichen Umfeld aufzeigte, dass in Berufs- und Weiterbildung tiefgreifende Reformen notwendig sind. Seriöse Reformen können aber nur angepackt werden, wenn sie auf einer fundierten wissenschaftlichen Grundlage stehen, losgelöst von kurzfristigen Verbands- und anderen Interessen.</p><p>Die Krise der Berufsbildung hat sich in letzter Zeit daran manifestiert, dass in den Biga-Berufen eine eigentliche Lehstellenknappheit herrscht und dass gleichzeitig der Weg über die Mittelschule für viele Jugendliche attraktiver geworden ist. Die Berufslehre ist aber immer noch zukunftsfähig, weil sie neu den Zugang über die Berufsmatura zur Fachhochschule/Hochschule ermöglicht; weil die Kombination von schulischem Unterricht und Einsatz im Betrieb ein wirkungsvolles Instrument zum Aufbau arbeitsnaher Kompetenzen ist (B. Hotz-Hart und C. Küchler, "Technologie: Herausforderung und Chance für die Beschäftigung", Mitteilungsblatt für Konjunkturfragen Nr. 4/96) und als signifikanter Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte gilt, und weil die Berufsbildung Jugendarbeitslosigkeit verhindert ("Lob der Lehre", "Cash" Nr. 49 vom 5. Dezember 1997). Internationale vergleichende Tests in Naturwissenschaften und Mathematik machen deutlich, dass die duale Berufsbildung sehr leistungsfähig ist. Obwohl in anderen Ländern die Zahl der Gymnasiasten sehr viel höher ist, schneiden die 20jährigen Schweizer, die zu 70 Prozent eine Berufslehre besuchen, überdurchschnittlich gut ab - die Schweizerinnen leider nicht (M. Somm, "Mit ihnen ist zu rechnen", "Tages-Anzeiger" vom 26. Februar 1998).</p><p>Krise in der Weiterbildung: Die Erstausbildung kann die Menschen bekanntlich nicht mehr mit den Qualifikationen versehen, die sie fürs ganze Leben brauchen. Der rasche Strukturwandel in der Arbeitswelt verschiebt das Gewicht von der Erstausbildung zur Weiterbildung. Rekurrentes Lernen und sich schnell den veränderten Gegebenheiten anpassende Weiterbildung sind unerlässlich für Beschäftigte innovativer Unternehmen in einer lernenden, sich entwickelnden Wirtschaftsgesellschaft. Rund die Hälfte der Erwerbstätigen übte 1990 einen anderen als den erlernten Beruf aus (Eidgenössische Volkszählung 1990; R. Schräder-Naef, "Warum Erwachsene (nicht) lernen", 1997). Gut ausgebildete bilden sich überdurchschnittlich gut weiter. Aber zu viele Menschen beteiligen sich nicht an der Weiterbildung; zwischen 1988 und 1993 haben rund 60 Prozent keine Weiterbildung betrieben ("Weiterbildung in der Schweiz", Bundesamt für Statistik, 1997). Der Anteil von 20 Prozent der Arbeitnehmer, die keine nachobligatorische Ausbildung haben, ist für eine Industrienation wie die Schweiz deutlich zu hoch und bedeutet volkswirtschaftlich gesehen ein grosses Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz als "Knowledge-based economy" (A. Borkowsky, "Bildung und Berufsbildung: Kennziffern und Zusammenhänge", "Volkswirtschaft" Nr. 5/97). Die Arbeitslosigkeit ist - gemessen an der hohen Zahl schlecht Qualifizierter - relativ tief und könnte schnell höher werden (St. C. Wolter und B. Knuchel, "Bildung für Erwerbstätige - Arbeit für Arbeitslose", "Volkswirtschaft" Nr. 5/97). In der Schweiz hat es einen Mangel an qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften (M. Hausheer, "Für Spezialisten sind alle Kanäle offen", "SonntagsZeitung" vom 9. März 1997). Anhand der Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Arbeit und des EDV-Stellenvermittlers Computer Brainware Advisors fehlen in der Schweiz beispielsweise rund 10 000 bis 12 000 Informatiker (A. Heer, "Gesucht: EDV-Spezialisten", "Tages-Anzeiger" vom 9. März 1998). Auch im Alter nimmt in der Schweiz die Weiterbildungsbeteiligung ab, währenddem sie z. B. in Schweden gleich bleibt. Ausländer werden schlecht integriert und sind oft ganz ausgeschlossen. Als einzigartig gilt im internationalen Vergleich, dass Frauen in der Schweiz in der Regel ihre Weiterbildung selber bezahlen, Männer jedoch von ihren Arbeitgebern finanziert werden (S. Wagner, Referat über die Verbesserung der Wirksamkeit von Weiterbildung, gehalten an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 98, Lausanne). Wenn die Schweiz die Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen beim wertvollen Humankapital vernachlässigt, verliert sie ihre Wettbewerbsfähigkeit bei den zukunftsträchtigen Produkten, Fertigungsprozessen und Wirtschaftssektoren (H. Schelbert, "Hochschulweiterbildung zwischen Markt und öffentlichem Auftrag", Referat 1998).</p><p>Wir brauchen prospektive Forschung und Planung in bezug auf die Technologiefelder und Berufe der Zukunft. Die Schweiz sollte ihre Forschungstätigkeit auf vielen Feldern verstärken, die heute brachliegen, und zwar u. a. um: die Effektivität und Effizienz der Massnahmen in der beruflichen Grund- und Weiterbildung zu erhöhen und deren Qualität zu evaluieren und zu sichern; die Bildungs- und Weiterbildungsbeteiligung bzw. Nichtbeteiligung zu erforschen und gegebenenfalls zu verändern; Gender-Fragen einzubeziehen; Vergleiche mit dem Ausland anzustellen; die Weiterbildungsbedürfnisse zu eruieren; Stärken, Defizite und Kohärenzprobleme des Bildungsstandortes Schweiz zu erheben und geeignete Massnahmen einzuleiten, methodisch-didaktische und lernpsychologische Fragen zu beantworten.</p><p>Im Berufsfeld sind heute qualifizierte, flexible, team-, entwicklungs- und lernfähige Berufsleute gefragt, die interdisziplinär denken; wissen, wie sie sich neues Wissen aneignen können; über methodische und kognitive sowie analytische und synthetische Fähigkeiten verfügen und sich bei Unbestimmtheit und Komplexität orientieren können. Landwehr nennt als Entwicklungstendenz im beruflichen Lernen als fachlich-inhaltlichen Ausbildungsschwerpunkt die Vermittlung eines selbständig verfügbaren Handlungswissens, das auf neue bzw. veränderte Situationen übertragbar ist (N. Landwehr, "Zehn Entwicklungstendenzen im beruflichen Lernen", "Pädagogische Arbeitsstelle", September 1995, Aarau). Lernen in der künftigen Informationsgesellschaft wird mit ganz neuen lerndidaktischen Methoden inszeniert werden, wie z. B. mit dem problemorientierten Lernen, das gleichzeitig die Problemlösungsfähigkeiten und die Schlüsselqualifikationen fördert unter Zuhilfenahme einer multimedial starken Lernumgebung, wie dies z. B. an niederländischen Fachhochschulen erfolgreich vorgelebt wird. Die Merkmale der europaweiten beruflichen Kompatibilität nach der Grundausbildung sind Flexibilisierung, Modularisierung und Akkreditierung von Teilkompetenzen, die in individuellen beruflichen Portfolios zusammengefasst werden. In all diesen Fragen muss die Forschung den Weg in die Zukunft vorbereiten. Der Lehrstuhl sollte analog zum Ausland im Fachbereich Berufspädagogik angesiedelt werden, in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften und anderen Disziplinen.</p><p>In Deutschland ist die Berufsbildungsforschung eine Integrationswissenschaft, die ein sehr breites Gebiet aus den verschiedensten Disziplinen umfasst. Folgende zehn Themenfelder stehen im Vordergrund: 1. Arbeitsmarkt, Beruf, Qualifikation; 2. Erziehungswissenschaftliche Grundlagen; 3. Bildungs- und Berufsbildungspolitik; 4. Internationale Zusammenarbeit; 5. Berufsvorbereitung; 6. Berufliches Schulwesen; 7. Betriebliche und überbetriebliche Ausbildung; 8. Weiterbildung, Erwachsenenbildung, Fernunterricht; 9. Personal in der Berufsbildung; 10. Besondere Gruppen (L. Alex, Referat an den Schweizerischen Berufsbildungstagen, März 1998, Lausanne).</p><p>Natürlich kann davon ausgegangen werden, dass Ausbildungsinstitutionen, die Berufsschulkräfte ausbilden - wie z. B. das Schweizerische Institut für Berufspädagogik, das Berufsschullehrkräfte im bisherigen Biga-Bereich ausbildet, oder die Kaderschule SRK, Aarau, die Berufsschullehrkräfte im Gesundheitswesen ausbildet - die angewandte Berufsbildungsforschung und -entwicklung sowie Dienstleistungen, die sie teilweise heute schon betreiben, in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Praxisfeld weiterführen werden. Darüber hinaus braucht es aber auf universitärer Ebene eine Grundlagenforschung, die relevantes Wissen auf nationaler und internationaler Ebene erarbeitet, sammelt, koordiniert, publiziert und die höchsten Standards genügen muss, Kontinuität bietet und mit der internationalen "scientific community" vernetzt ist, die sich mit Fragen der Berufsbildung und Weiterbildung beschäftigt. Es werden heute schon interessante Forschungsarbeiten gemacht in der Schweiz, z. B. im Rahmen des Nationalfonds-Forschungsprogramms 33, das sich mit der Wirksamkeit von Bildung beschäftigt. Aber bisher ist niemand dafür zuständig, zu koordinieren, den Transfer voranzutreiben und Forschungsschwerpunkte zu bestimmen, die den heutigen und künftigen Erfordernissen von Berufs- und Weiterbildung gerecht werden. Forschung und Entwicklung in der Berufs- und Weiterbildung sind unerlässlich für die Zukunft des Ausbildungs- und Wirtschaftsstandortes Schweiz.</p>
- Der Bundesrat ist bereit, das Postulat entgegenzunehmen.
- <p>Der Bundesrat wird aufgefordert, sich im Rahmen der Hochschulförderung (Hochschulen, Fachhochschulen) für eine Systematisierung, Koordination und Konzentration der Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung einzusetzen, indem er die Schaffung eines universitären Lehrstuhls mit aller Kraft vorantreibt.</p>
- Lehrstuhl Berufsbildungs- und Weiterbildungsforschung
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