Rahmenbedingungen für eine gesellschaftspolitisch legitimierte Wirtschaft
- ShortId
-
02.3698
- Id
-
20023698
- Updated
-
25.06.2025 01:50
- Language
-
de
- Title
-
Rahmenbedingungen für eine gesellschaftspolitisch legitimierte Wirtschaft
- AdditionalIndexing
-
15;freie Schlagwörter: Corporate Governance;Vertrauen;Unternehmensführung;Shareholder value;Wirtschaftsethik
- 1
-
- L05K0703050103, Unternehmensführung
- L05K1603010402, Wirtschaftsethik
- L04K08020232, Vertrauen
- L06K070405020801, Shareholder value
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>Während der Achtziger- und Neunzigerjahre hat sich unter dem Schlagwort des "Shareholder Value" bei börsenkotierten Firmen eine eindimensionale Orientierung an Finanzkennziffern durchgesetzt. Durch die Beteiligung der Kader an den kurzfristigen Gewinnen wurde diese Tendenz verstärkt, bis sie schliesslich in jüngster Zeit in teilweise skandalöse Symptome "abgehobener" Gier und Masslosigkeit ausartete. Die Reputations-, Glaubwürdigkeits- und Motivationsschäden bei den "normalen" Bürgerinnen und Bürgern sind erheblich.</p><p>Was in dieser Situation Not tut, ist ein besser fundiertes, tragfähiges Leitbild "guter" Unternehmensführung, an dem sich sowohl die Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen selbst (professionelles Selbstverständnis) als auch die Wirtschaftspolitik bei der Gestaltung gesellschaftsdienlicher Rahmenbedingungen der Privatwirtschaft neu orientieren können.</p><p>Dabei ist von einem elementaren Sachverhalt auszugehen, der in "Shareholder Value" fixierten Denkmustern ausgeblendet worden ist: Unternehmen sind nicht bloss Subsysteme der Marktwirtschaft, sondern zugleich gesellschaftliche Wertschöpfungsveranstaltungen, deren Handeln daher unvermeidlich mitten im Brennpunkt öffentlicher Wert- und Interessenkonflikte steht. Daraus begründet sich die Unverzichtbarkeit einer wirtschaftsethischen Perspektive guter Unternehmensführung, in der sich überhaupt erst die Legimitätsvoraussetzungen und die angemessenen gesellschaftlichen Funktionen der Unternehmen in zeitgemässer Weise begründen lassen.</p><p>Als grundlegende Bausteine eines entsprechenden Leitbildes guter Unternehmensführung können gelten:</p><p>- eine Wertschöpfungsidee, die dem unternehmerischen Handeln Sinn und wertvolle Richtung gibt;</p><p>- tragfähige Geschäftsgrundsätze, an die sich die Unternehmensführung in nachprüfbarer Weise bindet;</p><p>- gewährleistete Rechte aller Stakeholder (Mitarbeitende, Geldgeber, Lieferanten, Kunden, Standortgemeinden usw.);</p><p>- ethisch konsistente Führungssysteme, welche einerseits eine Verantwortungskultur auf allen Ebenen fördern (Integritätsprogramm) und andererseits die Einhaltung aller definierten Grundsätze und Standards sicherstellen (Compliance-Programm).</p><p>Über verbesserte rechtliche und organisatorische Strukturen einer guten Corporate Governance ist in jüngster Zeit bereits intensiv debattiert worden. Jedoch unterliegt das vorherrschende Verständnis dieses Begriffes noch immer einer durch "Shareholder Value" geprägten Verkürzung: Thematisiert wird in aller Regel nur das Verhältnis zwischen den Eignern (Shareholdern) einer Publikums-Aktiengesellschaft und deren obersten Organen (Verwaltungsrat und seine Komitees, Geschäftsleitung, Revision). Gewiss sind etwa die vom Dachverband der schweizerischen Wirtschaft initiierten Best-Practice-Regeln begrüssenswert. Aber sie zielen bisher nur auf die bessere Wahrung der Aktionärsinteressen. Im Sinne des angedeuteten Leitbildes guter Unternehmensführung sollte ein zu Ende gedachtes Konzept von Corporate Gouvernance die faire und ausgewogene Gestaltung der Beziehungen zwischen den Unternehmensorganen und sämtlichen Anspruchsgruppen einschliessen.</p><p>Während sich aus juristischer Sicht der Geschäftsbericht auch grösster Firmen nach wie vor nur an die Aktionäre richtet, stellt er de facto längst eine Berichterstattung an die viel umfassendere interessierte Öffentlichkeit dar. Dies ist nichts anderes als die logische Konsequenz der Tatsache, dass das Geschäftsgebaren und die Unternehmenspolitik grösserer Firmen die öffentlichen Interessen in vielfältiger Weise tangieren. Die Informationsbedürfnisse der Öffentlichkeit sind jedoch nicht deckungsgleich mit jenen der Aktionäre. Ein erweitertes Verständnis guter Unternehmensführung sollte sich daher in entsprechend erweiterten, verbindlichen Kriterien guter Unternehmensberichterstattung niederschlagen, die eine umfassende, wahrhaftige, transparente und vergleichbare Basis für die Beurteilung der unternehmerischen Leistungen und des Geschäftsgebarens seitens aller Stakeholder und der breiteren Öffentlichkeit erlauben.</p><p>In einer offenen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist die Bedeutung einer dementsprechenden Rechenschaftsablegung kaum zu überschätzen, sind es doch die Bürgerinnen und Bürger, die den Unternehmen als den Kernzellen einer blühenden Volkswirtschaft letztlich die licence to operate geben und ihnen das Vertrauen aussprechen oder aber entziehen. Deshalb stellen geeignete Transparenz- und Rechenschaftspflichten für die reputationsinteressierten Unternehmensleitungen einen wirksamen Anreiz zur gesellschaftlich verantwortlichen Profilierung dar.</p><p>Verstärkt werden könnte dieser positive Anreiz zunächst durch ein freiwilliges Zertifizierungsangebot, das die von einer Firma umfassend wahrgenommene gute Unternehmensführung nach einem standardisierten Verfahren prüft und bestätigt. Die mittel- bis längerfristige Vision könnte ein erweitertes Konzept der externen Wirtschaftsprüfung sein, das die heutige finanzielle Prüfung um qualitative Kriterien der Einhaltung grundlegender Standards guter Unternehmensführung sowie des guten Umgangs mit allen Stakeholdern des Unternehmens erweitert.</p>
- Der Bundesrat ist bereit, das Postulat entgegenzunehmen.
- <p>Aufgrund mannigfaltiger Fehlentwicklungen der jüngsten Zeit haben breite Kreise unserer Bevölkerung das Vertrauen in die Wirtschaftsführung verloren. Damit die Wirtschaft nicht zum Selbstzweck, orientiert an reiner Marktlogik, verkommt, sind neben der prioritären Selbstregulierung auch vertrauensbildende wirtschaftspolitische Massnahmen zu prüfen, die zu gesellschaftsverträglicher, nachhaltiger Unternehmensführung beitragen könnten.</p><p>Der Bundesrat wird eingeladen, die Initiative zu ergreifen, um eine Gesamtschau der Standards zur Stärkung der gesellschaftspolitischen Verantwortung sowie deren Umsetzung vorzunehmen. Weitere Ausführungen gemäss Begründung.</p>
- Rahmenbedingungen für eine gesellschaftspolitisch legitimierte Wirtschaft
- State
-
Erledigt
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
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- <p>Während der Achtziger- und Neunzigerjahre hat sich unter dem Schlagwort des "Shareholder Value" bei börsenkotierten Firmen eine eindimensionale Orientierung an Finanzkennziffern durchgesetzt. Durch die Beteiligung der Kader an den kurzfristigen Gewinnen wurde diese Tendenz verstärkt, bis sie schliesslich in jüngster Zeit in teilweise skandalöse Symptome "abgehobener" Gier und Masslosigkeit ausartete. Die Reputations-, Glaubwürdigkeits- und Motivationsschäden bei den "normalen" Bürgerinnen und Bürgern sind erheblich.</p><p>Was in dieser Situation Not tut, ist ein besser fundiertes, tragfähiges Leitbild "guter" Unternehmensführung, an dem sich sowohl die Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen selbst (professionelles Selbstverständnis) als auch die Wirtschaftspolitik bei der Gestaltung gesellschaftsdienlicher Rahmenbedingungen der Privatwirtschaft neu orientieren können.</p><p>Dabei ist von einem elementaren Sachverhalt auszugehen, der in "Shareholder Value" fixierten Denkmustern ausgeblendet worden ist: Unternehmen sind nicht bloss Subsysteme der Marktwirtschaft, sondern zugleich gesellschaftliche Wertschöpfungsveranstaltungen, deren Handeln daher unvermeidlich mitten im Brennpunkt öffentlicher Wert- und Interessenkonflikte steht. Daraus begründet sich die Unverzichtbarkeit einer wirtschaftsethischen Perspektive guter Unternehmensführung, in der sich überhaupt erst die Legimitätsvoraussetzungen und die angemessenen gesellschaftlichen Funktionen der Unternehmen in zeitgemässer Weise begründen lassen.</p><p>Als grundlegende Bausteine eines entsprechenden Leitbildes guter Unternehmensführung können gelten:</p><p>- eine Wertschöpfungsidee, die dem unternehmerischen Handeln Sinn und wertvolle Richtung gibt;</p><p>- tragfähige Geschäftsgrundsätze, an die sich die Unternehmensführung in nachprüfbarer Weise bindet;</p><p>- gewährleistete Rechte aller Stakeholder (Mitarbeitende, Geldgeber, Lieferanten, Kunden, Standortgemeinden usw.);</p><p>- ethisch konsistente Führungssysteme, welche einerseits eine Verantwortungskultur auf allen Ebenen fördern (Integritätsprogramm) und andererseits die Einhaltung aller definierten Grundsätze und Standards sicherstellen (Compliance-Programm).</p><p>Über verbesserte rechtliche und organisatorische Strukturen einer guten Corporate Governance ist in jüngster Zeit bereits intensiv debattiert worden. Jedoch unterliegt das vorherrschende Verständnis dieses Begriffes noch immer einer durch "Shareholder Value" geprägten Verkürzung: Thematisiert wird in aller Regel nur das Verhältnis zwischen den Eignern (Shareholdern) einer Publikums-Aktiengesellschaft und deren obersten Organen (Verwaltungsrat und seine Komitees, Geschäftsleitung, Revision). Gewiss sind etwa die vom Dachverband der schweizerischen Wirtschaft initiierten Best-Practice-Regeln begrüssenswert. Aber sie zielen bisher nur auf die bessere Wahrung der Aktionärsinteressen. Im Sinne des angedeuteten Leitbildes guter Unternehmensführung sollte ein zu Ende gedachtes Konzept von Corporate Gouvernance die faire und ausgewogene Gestaltung der Beziehungen zwischen den Unternehmensorganen und sämtlichen Anspruchsgruppen einschliessen.</p><p>Während sich aus juristischer Sicht der Geschäftsbericht auch grösster Firmen nach wie vor nur an die Aktionäre richtet, stellt er de facto längst eine Berichterstattung an die viel umfassendere interessierte Öffentlichkeit dar. Dies ist nichts anderes als die logische Konsequenz der Tatsache, dass das Geschäftsgebaren und die Unternehmenspolitik grösserer Firmen die öffentlichen Interessen in vielfältiger Weise tangieren. Die Informationsbedürfnisse der Öffentlichkeit sind jedoch nicht deckungsgleich mit jenen der Aktionäre. Ein erweitertes Verständnis guter Unternehmensführung sollte sich daher in entsprechend erweiterten, verbindlichen Kriterien guter Unternehmensberichterstattung niederschlagen, die eine umfassende, wahrhaftige, transparente und vergleichbare Basis für die Beurteilung der unternehmerischen Leistungen und des Geschäftsgebarens seitens aller Stakeholder und der breiteren Öffentlichkeit erlauben.</p><p>In einer offenen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist die Bedeutung einer dementsprechenden Rechenschaftsablegung kaum zu überschätzen, sind es doch die Bürgerinnen und Bürger, die den Unternehmen als den Kernzellen einer blühenden Volkswirtschaft letztlich die licence to operate geben und ihnen das Vertrauen aussprechen oder aber entziehen. Deshalb stellen geeignete Transparenz- und Rechenschaftspflichten für die reputationsinteressierten Unternehmensleitungen einen wirksamen Anreiz zur gesellschaftlich verantwortlichen Profilierung dar.</p><p>Verstärkt werden könnte dieser positive Anreiz zunächst durch ein freiwilliges Zertifizierungsangebot, das die von einer Firma umfassend wahrgenommene gute Unternehmensführung nach einem standardisierten Verfahren prüft und bestätigt. Die mittel- bis längerfristige Vision könnte ein erweitertes Konzept der externen Wirtschaftsprüfung sein, das die heutige finanzielle Prüfung um qualitative Kriterien der Einhaltung grundlegender Standards guter Unternehmensführung sowie des guten Umgangs mit allen Stakeholdern des Unternehmens erweitert.</p>
- Der Bundesrat ist bereit, das Postulat entgegenzunehmen.
- <p>Aufgrund mannigfaltiger Fehlentwicklungen der jüngsten Zeit haben breite Kreise unserer Bevölkerung das Vertrauen in die Wirtschaftsführung verloren. Damit die Wirtschaft nicht zum Selbstzweck, orientiert an reiner Marktlogik, verkommt, sind neben der prioritären Selbstregulierung auch vertrauensbildende wirtschaftspolitische Massnahmen zu prüfen, die zu gesellschaftsverträglicher, nachhaltiger Unternehmensführung beitragen könnten.</p><p>Der Bundesrat wird eingeladen, die Initiative zu ergreifen, um eine Gesamtschau der Standards zur Stärkung der gesellschaftspolitischen Verantwortung sowie deren Umsetzung vorzunehmen. Weitere Ausführungen gemäss Begründung.</p>
- Rahmenbedingungen für eine gesellschaftspolitisch legitimierte Wirtschaft
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