Gewalt in den Städten. Ursachen und Prävention

ShortId
05.3899
Id
20053899
Updated
28.07.2023 08:16
Language
de
Title
Gewalt in den Städten. Ursachen und Prävention
AdditionalIndexing
28;junger Mensch;Jugendkriminalität;soziale Ausgrenzung;Bericht;Stadtrandgebiet;Gewalt;Sachbeschädigung;sozio-ökonomische Verhältnisse;Stadt
1
  • L04K01010207, Gewalt
  • L05K0102020102, Stadt
  • L06K010202010207, Stadtrandgebiet
  • L04K01090402, sozio-ökonomische Verhältnisse
  • L03K020206, Bericht
  • L04K01090104, soziale Ausgrenzung
  • L05K0107010204, junger Mensch
  • L05K0101020702, Sachbeschädigung
  • L05K0101020801, Jugendkriminalität
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Die jüngsten Ereignisse in den französischen Vorstädten führen unweigerlich zur Frage nach den Verhältnissen in der Schweiz. Besteht die Gefahr, dass solche Phänomene und die daraus erwachsenden Probleme auch unserem Land bevorstehen? Die wirtschaftlichen Bedingungen sind härter geworden, der gesellschaftliche Wandel ist tiefgreifend, Jugendliche sehen sich oft mit einem erschwerten Zugang zur Berufsbildung und mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Deshalb scheint der gesellschaftliche Zusammenhalt, der lange Zeit durch eine breite Mittelklasse und den allgemeinen sozialen Fortschritt gewährleistet war, nicht mehr unbedingt gesichert zu sein. Eine Schwächung dieses Zusammenhaltes und vermehrte Ausgrenzungen leisten aber der Gefahr von Gewaltausbrüchen Vorschub.</p><p>Um solchen Situationen durch präventive Massnahmen vorgreifen zu können, muss man die soziale Entwicklung kennen. Die Nationalen Forschungsprogramme 40 (Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität) bzw. 51 (Integration und Ausschluss) haben wertvolle Beiträge zum Erkenntnisfortschritt geleistet bzw. werden dies künftig tun. Es wäre indes wichtig, regelmässig darüber informiert zu sein, welche Risiken in welchen Bereichen bestehen oder sich herausbilden. Aufgrund solcher Informationen könnte gehandelt werden, bevor sich eine Lage so weit verschlechtert, dass sie zu Gewaltausbrüchen führt. Dies bedingt, dass die Lebensbedingungen der Bevölkerung und das Ausmass sozialer Ungleichheit untersucht werden und dass auch den Gefühlen von Unzufriedenheit auf den Grund gegangen wird.</p><p>Diese Informationen sind bereits zu einem guten Teil vorhanden, beispielsweise in den verschiedenen Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik. Es geht somit darum, die Informationen besser auszuwerten und in einen Zusammenhang zu stellen, mit anderen Worten eine eigentliche Sozialstatistik zu entwickeln, die Auskunft gibt über:</p><p>- den Zustand und die Entwicklung der Gesellschaft;</p><p>- die Lage der verschiedenen sozialen Gruppen, namentlich solcher, die den Risiken der Ausgrenzung und der Verarmung ausgesetzt sind oder die ihre objektiv nachteilige Situation auch als solche negativ wahrnehmen;</p><p>- das Ausmass von Unzufriedenheit und Unsicherheit, die beide zu Gewalt führen können.</p><p>Dieses Postulat entspringt zusammenfassend der Überzeugung, dass die bestehenden Untersuchungen und Daten auszuwerten sind, damit der Weg der Analyse, des Gedankenaustauschs und des Handelns systematisch beschritten werden kann.</p>
  • <p>Die Ereignisse im Herbst 2005 in Frankreich haben die in den ghettoisierten Vorstädten herrschende Situation zutage gebracht, wo Erwachsene und Jugendliche ohne reelle Perspektive auf Arbeit leben. Wir müssen uns gezwungenermassen fragen, ob ein solches Risiko von städtischer Gewalt auch in unserem Land besteht. Es stellt sich somit die Frage, ob die gesellschaftlichen und urbanen Verhältnisse der französischen Vorstädte auf die Schweiz übertragbar sind.</p><p>1. In den Jahren 2004 und 2005 hat sich die Eidgenössische Ausländerkommission prioritär mit der Thematik "Integration und Habitat" befasst. Die Arbeiten zum Thema haben ergeben, dass es in der Schweiz keine ethnischen Ghettos gibt. Die in den als benachteiligt geltenden Stadtteilen lebende Bevölkerung stammt aus verschiedenen Herkunftsländern. Die befragten Fachleute sehen folglich keinen politischen Handlungsbedarf zur Bekämpfung der Ghettoisierung.</p><p>Das Risiko, dass die negativen Tendenzen (schlechtes Image bestimmter Wohngegenden, wenig attraktives Wohnangebot, Segregation, hohe Arbeitslosigkeit) als Multiplikatoren aufeinander einwirken, wird dennoch ernst genommen. Der Bund baut im Rahmen seiner Agglomerationspolitik ein Monitoringsystem zur Beobachtung der städtischen Entwicklung auf. Dieses System enthält insbesondere soziale Indikatoren. Dies trifft auch für das Indikatorensystem Monet, "Monitoring der nachhaltigen Entwicklung", zu. Ausser der Beteiligung an diesen Monitoringmassnahmen unterstützt der Bund auch Projekte zur vermehrten sozialen Durchmischung und Integration in Stadtquartieren. Ein bedeutender Teil der Mittel zur Förderung der Integration fliesst in solche quartierbezogenen Projekte.</p><p>2. Die städtischen Phänomene zu kennen ist indes nur ein Aspekt des Postulates. Man kommt nicht umhin, die Gewalt in den Städten als Ausdruck einer allgemeiner gelagerten Problematik zu sehen, nämlich der sozialen Ungleichheit und des Zuganges der Jugendlichen zu Ausbildung und Arbeit.</p><p>In den vergangenen Jahren hat der Wunsch nach einem Bericht über den Zustand der Gesellschaft mehrere Projekte ausgelöst, insbesondere das Schwerpunktprogramm "Zukunft Schweiz" des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Sozialbericht 2000, Sozialbericht 2004) und das Programm des Bundesamtes für Statistik (Serie "Sozialberichterstattung - Schweiz "). Zudem hat der Bundesrat im Februar 2004 einen Bericht über die strategischen Führungsindikatoren verabschiedet. Dieses Instrument wird während der Legislatur 2003-2007 getestet. Es dient insbesondere dazu, die Notwendigkeit von politischen Massnahmen in den verschiedenen staatlichen Bereichen zu prüfen. Zusammen mit Monet und anderen von der Bundesverwaltung entwickelten sektoriellen Monitoringsystemen umfasst es zahlreiche Indikatoren zur sozialen Lage (Einkommensverteilung, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Bildung, Schulabbruch usw.).</p><p>Der Bundesrat räumt der Ausbildung und Beschäftigung Jugendlicher hohe Priorität ein. Im Jahr 2005 konnte das bereits bestehende Angebot um zahlreiche arbeitsmarktliche und berufsbildungsrelevante Massnahmen erweitert werden (Motivationssemester, Förderung der Schaffung von Lehrstellen, Beratung bei der Stellensuche usw.). Dies schliesst auch niederschwellige und auf Jugendliche mit sozialen oder kulturellen Schwierigkeiten ausgerichtete Massnahmen mit ein (s. namentlich die Antwort auf die Interpellation Schenker 05.3680 vom 7. Oktober 2005).</p><p>3. Mit der kürzlich reorganisierten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) steht auf nationaler Ebene ein detaillierter und verlässlicher Indikator zur Entwicklung der Gewalt in der Gesellschaft zur Verfügung. Die PKS ist ein Instrument, das nicht nur Repressions-, sondern auch Präventionsmassnahmen ermöglicht.</p><p>Zusammenfassend erachtet es der Bundesrat nicht als erforderlich, spezifische Schritte zur Prävention von städtischer Gewalt zu unternehmen. Er hält an der bisher verfolgten Politik bezüglich Agglomerationen, nachhaltiger Entwicklung und Integration fest, ebenso an der Sozialpolitik, soweit sie in den Zuständigkeitsbereich des Bundes fällt, dies in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Gemeinden, die in diesen Bereichen über weitreichende Kompetenzen verfügen.</p> Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.
  • <p>Der Bundesrat wird beauftragt, einen Synthesebericht zu erstellen, der sich auf interdisziplinäre Weise mit dem Phänomen der Gewalt in Schweizer Städten befasst und Vorschläge zur Prävention solcher Gewalt enthält. Auf der Grundlage der einschlägigen Informationen und Arbeiten, die beim Bundesamt für Statistik, beim Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sowie bei Universitäten und anderen Hochschulen erhältlich sind, sollen insbesondere:</p><p>- der aktuelle Kenntnisstand über dieses Phänomen und seine Entwicklung in unserem Land festgehalten werden;</p><p>- das davon ausgehende Gefahrenpotenzial (Gewalttypen, gefährdete Orte usw.) bestimmt werden;</p><p>- in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den zuständigen privaten Organisationen wirkungsvolle Massnahmen zur Prävention in die Wege geleitet werden.</p>
  • Gewalt in den Städten. Ursachen und Prävention
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Die jüngsten Ereignisse in den französischen Vorstädten führen unweigerlich zur Frage nach den Verhältnissen in der Schweiz. Besteht die Gefahr, dass solche Phänomene und die daraus erwachsenden Probleme auch unserem Land bevorstehen? Die wirtschaftlichen Bedingungen sind härter geworden, der gesellschaftliche Wandel ist tiefgreifend, Jugendliche sehen sich oft mit einem erschwerten Zugang zur Berufsbildung und mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Deshalb scheint der gesellschaftliche Zusammenhalt, der lange Zeit durch eine breite Mittelklasse und den allgemeinen sozialen Fortschritt gewährleistet war, nicht mehr unbedingt gesichert zu sein. Eine Schwächung dieses Zusammenhaltes und vermehrte Ausgrenzungen leisten aber der Gefahr von Gewaltausbrüchen Vorschub.</p><p>Um solchen Situationen durch präventive Massnahmen vorgreifen zu können, muss man die soziale Entwicklung kennen. Die Nationalen Forschungsprogramme 40 (Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität) bzw. 51 (Integration und Ausschluss) haben wertvolle Beiträge zum Erkenntnisfortschritt geleistet bzw. werden dies künftig tun. Es wäre indes wichtig, regelmässig darüber informiert zu sein, welche Risiken in welchen Bereichen bestehen oder sich herausbilden. Aufgrund solcher Informationen könnte gehandelt werden, bevor sich eine Lage so weit verschlechtert, dass sie zu Gewaltausbrüchen führt. Dies bedingt, dass die Lebensbedingungen der Bevölkerung und das Ausmass sozialer Ungleichheit untersucht werden und dass auch den Gefühlen von Unzufriedenheit auf den Grund gegangen wird.</p><p>Diese Informationen sind bereits zu einem guten Teil vorhanden, beispielsweise in den verschiedenen Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik. Es geht somit darum, die Informationen besser auszuwerten und in einen Zusammenhang zu stellen, mit anderen Worten eine eigentliche Sozialstatistik zu entwickeln, die Auskunft gibt über:</p><p>- den Zustand und die Entwicklung der Gesellschaft;</p><p>- die Lage der verschiedenen sozialen Gruppen, namentlich solcher, die den Risiken der Ausgrenzung und der Verarmung ausgesetzt sind oder die ihre objektiv nachteilige Situation auch als solche negativ wahrnehmen;</p><p>- das Ausmass von Unzufriedenheit und Unsicherheit, die beide zu Gewalt führen können.</p><p>Dieses Postulat entspringt zusammenfassend der Überzeugung, dass die bestehenden Untersuchungen und Daten auszuwerten sind, damit der Weg der Analyse, des Gedankenaustauschs und des Handelns systematisch beschritten werden kann.</p>
    • <p>Die Ereignisse im Herbst 2005 in Frankreich haben die in den ghettoisierten Vorstädten herrschende Situation zutage gebracht, wo Erwachsene und Jugendliche ohne reelle Perspektive auf Arbeit leben. Wir müssen uns gezwungenermassen fragen, ob ein solches Risiko von städtischer Gewalt auch in unserem Land besteht. Es stellt sich somit die Frage, ob die gesellschaftlichen und urbanen Verhältnisse der französischen Vorstädte auf die Schweiz übertragbar sind.</p><p>1. In den Jahren 2004 und 2005 hat sich die Eidgenössische Ausländerkommission prioritär mit der Thematik "Integration und Habitat" befasst. Die Arbeiten zum Thema haben ergeben, dass es in der Schweiz keine ethnischen Ghettos gibt. Die in den als benachteiligt geltenden Stadtteilen lebende Bevölkerung stammt aus verschiedenen Herkunftsländern. Die befragten Fachleute sehen folglich keinen politischen Handlungsbedarf zur Bekämpfung der Ghettoisierung.</p><p>Das Risiko, dass die negativen Tendenzen (schlechtes Image bestimmter Wohngegenden, wenig attraktives Wohnangebot, Segregation, hohe Arbeitslosigkeit) als Multiplikatoren aufeinander einwirken, wird dennoch ernst genommen. Der Bund baut im Rahmen seiner Agglomerationspolitik ein Monitoringsystem zur Beobachtung der städtischen Entwicklung auf. Dieses System enthält insbesondere soziale Indikatoren. Dies trifft auch für das Indikatorensystem Monet, "Monitoring der nachhaltigen Entwicklung", zu. Ausser der Beteiligung an diesen Monitoringmassnahmen unterstützt der Bund auch Projekte zur vermehrten sozialen Durchmischung und Integration in Stadtquartieren. Ein bedeutender Teil der Mittel zur Förderung der Integration fliesst in solche quartierbezogenen Projekte.</p><p>2. Die städtischen Phänomene zu kennen ist indes nur ein Aspekt des Postulates. Man kommt nicht umhin, die Gewalt in den Städten als Ausdruck einer allgemeiner gelagerten Problematik zu sehen, nämlich der sozialen Ungleichheit und des Zuganges der Jugendlichen zu Ausbildung und Arbeit.</p><p>In den vergangenen Jahren hat der Wunsch nach einem Bericht über den Zustand der Gesellschaft mehrere Projekte ausgelöst, insbesondere das Schwerpunktprogramm "Zukunft Schweiz" des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Sozialbericht 2000, Sozialbericht 2004) und das Programm des Bundesamtes für Statistik (Serie "Sozialberichterstattung - Schweiz "). Zudem hat der Bundesrat im Februar 2004 einen Bericht über die strategischen Führungsindikatoren verabschiedet. Dieses Instrument wird während der Legislatur 2003-2007 getestet. Es dient insbesondere dazu, die Notwendigkeit von politischen Massnahmen in den verschiedenen staatlichen Bereichen zu prüfen. Zusammen mit Monet und anderen von der Bundesverwaltung entwickelten sektoriellen Monitoringsystemen umfasst es zahlreiche Indikatoren zur sozialen Lage (Einkommensverteilung, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Bildung, Schulabbruch usw.).</p><p>Der Bundesrat räumt der Ausbildung und Beschäftigung Jugendlicher hohe Priorität ein. Im Jahr 2005 konnte das bereits bestehende Angebot um zahlreiche arbeitsmarktliche und berufsbildungsrelevante Massnahmen erweitert werden (Motivationssemester, Förderung der Schaffung von Lehrstellen, Beratung bei der Stellensuche usw.). Dies schliesst auch niederschwellige und auf Jugendliche mit sozialen oder kulturellen Schwierigkeiten ausgerichtete Massnahmen mit ein (s. namentlich die Antwort auf die Interpellation Schenker 05.3680 vom 7. Oktober 2005).</p><p>3. Mit der kürzlich reorganisierten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) steht auf nationaler Ebene ein detaillierter und verlässlicher Indikator zur Entwicklung der Gewalt in der Gesellschaft zur Verfügung. Die PKS ist ein Instrument, das nicht nur Repressions-, sondern auch Präventionsmassnahmen ermöglicht.</p><p>Zusammenfassend erachtet es der Bundesrat nicht als erforderlich, spezifische Schritte zur Prävention von städtischer Gewalt zu unternehmen. Er hält an der bisher verfolgten Politik bezüglich Agglomerationen, nachhaltiger Entwicklung und Integration fest, ebenso an der Sozialpolitik, soweit sie in den Zuständigkeitsbereich des Bundes fällt, dies in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Gemeinden, die in diesen Bereichen über weitreichende Kompetenzen verfügen.</p> Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.
    • <p>Der Bundesrat wird beauftragt, einen Synthesebericht zu erstellen, der sich auf interdisziplinäre Weise mit dem Phänomen der Gewalt in Schweizer Städten befasst und Vorschläge zur Prävention solcher Gewalt enthält. Auf der Grundlage der einschlägigen Informationen und Arbeiten, die beim Bundesamt für Statistik, beim Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sowie bei Universitäten und anderen Hochschulen erhältlich sind, sollen insbesondere:</p><p>- der aktuelle Kenntnisstand über dieses Phänomen und seine Entwicklung in unserem Land festgehalten werden;</p><p>- das davon ausgehende Gefahrenpotenzial (Gewalttypen, gefährdete Orte usw.) bestimmt werden;</p><p>- in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den zuständigen privaten Organisationen wirkungsvolle Massnahmen zur Prävention in die Wege geleitet werden.</p>
    • Gewalt in den Städten. Ursachen und Prävention

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