Unbequeme Fragen an unser Gesundheitssystem
- ShortId
-
06.3063
- Id
-
20063063
- Updated
-
14.11.2025 07:32
- Language
-
de
- Title
-
Unbequeme Fragen an unser Gesundheitssystem
- AdditionalIndexing
-
2841;Versorgungsbilanz;Versicherungsleistung;Krankenversicherung;Gesundheitswesen;Qualitätssicherung;Kantonsvergleich;Wirtschaftlichkeitskontrolle;Kosten des Gesundheitswesens;Medikament
- 1
-
- L04K01050511, Gesundheitswesen
- L05K1110011304, Versicherungsleistung
- L04K01040109, Krankenversicherung
- L03K020219, Kantonsvergleich
- L05K0701030906, Versorgungsbilanz
- L06K070305020401, Qualitätssicherung
- L05K0703050205, Wirtschaftlichkeitskontrolle
- L04K01050501, Kosten des Gesundheitswesens
- L05K0105030102, Medikament
- PriorityCouncil1
-
Ständerat
- Texts
-
- <p>Das Schweizer Gesundheitssystem gehört angeblich zu den besten der Welt. Die enormen regionalen Unterschiede im Einsatz von Behandlungen und bei den anfallenden Kosten lassen darauf schliessen, dass der zweckmässige Einsatz der OKP-Leistungen nicht durchwegs gewährleistet ist.</p><p>Unnötige Leistungen lösen aber nicht nur zusätzliche Kosten aus, sondern sie sind auch eine gesundheitliche Belastung für die Bevölkerung. Der Bundesrat ist deshalb gefordert, sich seiner Aufgabe der Qualitätssicherung endlich anzunehmen, die er gemäss Artikel 58 KVG zu sichern oder wiederherzustellen hat. Dass Handlungsbedarf besteht, bestätigt Prof. Dr. Thomas Zeltner, Direktor des BAG: "Bei der Qualitätssicherung hinkt unser Gesundheitssystem anderen modernen Systemen hinterher." ("NZZ am Sonntag" vom 18. Januar 2004) Die Leidtragenden sind die Patientinnen und Patienten, die Prämien- und die Steuerzahlenden.</p><p>Während sich die Kostenunterschiede vor einigen Jahren etwas angeglichen hatten, ist zwischen 2003 und 2004 die Kostenentwicklung in den Kantonen erneut höchst unterschiedlich und nach keinem bestimmten Muster verlaufen.</p><p>Zur Illustration nachfolgend ein paar Beispiele:</p><p>Im Kanton Genf verschreiben Ärzte pro Kopf der Bevölkerung für doppelt so viel Geld kassenpflichtige Medikamente wie ihre Arztkollegen im Kanton Zug. Werden die Medikamentenkosten pro Kopf betrachtet, stammen sieben der acht kostenintensivsten Kantone aus der lateinischen Schweiz. (Brennpunkt Gesundheitspolitik, Santésuisse 1/06, S. 10) Würden alle Ärzte in der Schweiz für nur so viel Geld Medikamente verschreiben wie die Zuger Ärzte, dann könnte die Grundversicherung ein Viertel aller Medikamentenkosten sparen. Ausserdem schaden zu viele Medikamente nachweislich der Gesundheit: Unverträglichkeiten führen zu 5 Prozent aller Spitaleinweisungen.</p><p>Im Kanton Waadt verschreiben die Ärzte pro Kopf der Bevölkerung kassenpflichtige Leistungen, die fast 50 Prozent mehr kosten als die Leistungen, welche Ärzte im (bevölkerungsmässig vergleichbaren) Kanton St. Gallen verordnen. Die Krankenkassenprämien im Kanton Waadt sind fast 50 Prozent höher als im Kanton St. Gallen. Die Waadtländer haben von diesen massiv höheren Kosten keinen nachweisbaren Nutzen - weder in Bezug auf Morbidität noch Mortalität.</p><p>Im Kanton Fribourg wird den Frauen die Gebärmutter doppelt so häufig operiert wie im Kanton Graubünden und in einigen anderen Kantonen. </p><p>In den Kantonen Basel und Genf haben 40 Prozent aller Erwachsenen die Mandeln operiert, während es im Kanton Graubünden nur 25 Prozent sind. </p><p>Im Kanton Tessin entfernen die Ärzte die Gallenblase fast dreimal, im Kanton Waadt zweieinhalbmal so oft wie z. B. im Kanton Schaffhausen.</p><p>Im Kanton Waadt führen Ärzte 13mal häufiger eine Herzkatheter-Untersuchung durch als die Ärzte im Kanton St. Gallen. </p><p>Verschiedene Operationen werden bei Ärzten und Ärztinnen und deren Familienmitgliedern sowie bei Anwälten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung viel weniger häufig durchgeführt.</p><p>Auf 100 Ärztinnen und Ärztegattinnen, deren Gebärmutter entfernt wurde, kommen 155 operierte Frauen aus der übrigen Bevölkerung.</p><p>Bei Hämorrhoidenoperationen und Gallenblasenentfernungen sind die Unterschiede noch grösser:</p><p>Auf 100 Hämorrhoidenoperationen sowie Gallenblasenentfernungen bei Ärzten und Ärztinnen und deren Familien kommen etwa 180 Operationen bei der Gesamtbevölkerung.</p><p>Quellen:</p><p>- BFS: Auswertung der Spital-Statistik</p><p>- Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl, Das Geschwätz vom Wachstum, Zürich, 2004</p><p>- Odette Frey, "Facts", Nr. 48, 1. Dezember 2005</p><p>- Jörg Blech, "Der Spiegel", 35/2005</p>
- Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates.
- <p>Der Bundesrat wird gebeten, in einem Bericht:</p><p>1. die Gründe für die enormen regionalen Unterschiede in der Abgabe und Verschreibung von medizinischen Leistungen zu eruieren;</p><p>2. aufzuzeigen, inwiefern diese sehr unterschiedlichen Behandlungs- und Kostenstrukturen für die jeweils betroffene Bevölkerung von Nutzen, aber auch von Schaden sind;</p><p>3. Massnahmen vorzuschlagen, mit welchen im Sinne von Artikel 56 KVG (Wirtschaftlichkeit) und Artikel 58 KVG (Qualitätssicherung) sowohl eine Unterversorgung der Bevölkerung wie auch eine gesundheitlich wie ökonomisch schädliche Überversorgung verhindert werden können.</p>
- Unbequeme Fragen an unser Gesundheitssystem
- State
-
Erledigt
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
-
- <p>Das Schweizer Gesundheitssystem gehört angeblich zu den besten der Welt. Die enormen regionalen Unterschiede im Einsatz von Behandlungen und bei den anfallenden Kosten lassen darauf schliessen, dass der zweckmässige Einsatz der OKP-Leistungen nicht durchwegs gewährleistet ist.</p><p>Unnötige Leistungen lösen aber nicht nur zusätzliche Kosten aus, sondern sie sind auch eine gesundheitliche Belastung für die Bevölkerung. Der Bundesrat ist deshalb gefordert, sich seiner Aufgabe der Qualitätssicherung endlich anzunehmen, die er gemäss Artikel 58 KVG zu sichern oder wiederherzustellen hat. Dass Handlungsbedarf besteht, bestätigt Prof. Dr. Thomas Zeltner, Direktor des BAG: "Bei der Qualitätssicherung hinkt unser Gesundheitssystem anderen modernen Systemen hinterher." ("NZZ am Sonntag" vom 18. Januar 2004) Die Leidtragenden sind die Patientinnen und Patienten, die Prämien- und die Steuerzahlenden.</p><p>Während sich die Kostenunterschiede vor einigen Jahren etwas angeglichen hatten, ist zwischen 2003 und 2004 die Kostenentwicklung in den Kantonen erneut höchst unterschiedlich und nach keinem bestimmten Muster verlaufen.</p><p>Zur Illustration nachfolgend ein paar Beispiele:</p><p>Im Kanton Genf verschreiben Ärzte pro Kopf der Bevölkerung für doppelt so viel Geld kassenpflichtige Medikamente wie ihre Arztkollegen im Kanton Zug. Werden die Medikamentenkosten pro Kopf betrachtet, stammen sieben der acht kostenintensivsten Kantone aus der lateinischen Schweiz. (Brennpunkt Gesundheitspolitik, Santésuisse 1/06, S. 10) Würden alle Ärzte in der Schweiz für nur so viel Geld Medikamente verschreiben wie die Zuger Ärzte, dann könnte die Grundversicherung ein Viertel aller Medikamentenkosten sparen. Ausserdem schaden zu viele Medikamente nachweislich der Gesundheit: Unverträglichkeiten führen zu 5 Prozent aller Spitaleinweisungen.</p><p>Im Kanton Waadt verschreiben die Ärzte pro Kopf der Bevölkerung kassenpflichtige Leistungen, die fast 50 Prozent mehr kosten als die Leistungen, welche Ärzte im (bevölkerungsmässig vergleichbaren) Kanton St. Gallen verordnen. Die Krankenkassenprämien im Kanton Waadt sind fast 50 Prozent höher als im Kanton St. Gallen. Die Waadtländer haben von diesen massiv höheren Kosten keinen nachweisbaren Nutzen - weder in Bezug auf Morbidität noch Mortalität.</p><p>Im Kanton Fribourg wird den Frauen die Gebärmutter doppelt so häufig operiert wie im Kanton Graubünden und in einigen anderen Kantonen. </p><p>In den Kantonen Basel und Genf haben 40 Prozent aller Erwachsenen die Mandeln operiert, während es im Kanton Graubünden nur 25 Prozent sind. </p><p>Im Kanton Tessin entfernen die Ärzte die Gallenblase fast dreimal, im Kanton Waadt zweieinhalbmal so oft wie z. B. im Kanton Schaffhausen.</p><p>Im Kanton Waadt führen Ärzte 13mal häufiger eine Herzkatheter-Untersuchung durch als die Ärzte im Kanton St. Gallen. </p><p>Verschiedene Operationen werden bei Ärzten und Ärztinnen und deren Familienmitgliedern sowie bei Anwälten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung viel weniger häufig durchgeführt.</p><p>Auf 100 Ärztinnen und Ärztegattinnen, deren Gebärmutter entfernt wurde, kommen 155 operierte Frauen aus der übrigen Bevölkerung.</p><p>Bei Hämorrhoidenoperationen und Gallenblasenentfernungen sind die Unterschiede noch grösser:</p><p>Auf 100 Hämorrhoidenoperationen sowie Gallenblasenentfernungen bei Ärzten und Ärztinnen und deren Familien kommen etwa 180 Operationen bei der Gesamtbevölkerung.</p><p>Quellen:</p><p>- BFS: Auswertung der Spital-Statistik</p><p>- Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl, Das Geschwätz vom Wachstum, Zürich, 2004</p><p>- Odette Frey, "Facts", Nr. 48, 1. Dezember 2005</p><p>- Jörg Blech, "Der Spiegel", 35/2005</p>
- Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates.
- <p>Der Bundesrat wird gebeten, in einem Bericht:</p><p>1. die Gründe für die enormen regionalen Unterschiede in der Abgabe und Verschreibung von medizinischen Leistungen zu eruieren;</p><p>2. aufzuzeigen, inwiefern diese sehr unterschiedlichen Behandlungs- und Kostenstrukturen für die jeweils betroffene Bevölkerung von Nutzen, aber auch von Schaden sind;</p><p>3. Massnahmen vorzuschlagen, mit welchen im Sinne von Artikel 56 KVG (Wirtschaftlichkeit) und Artikel 58 KVG (Qualitätssicherung) sowohl eine Unterversorgung der Bevölkerung wie auch eine gesundheitlich wie ökonomisch schädliche Überversorgung verhindert werden können.</p>
- Unbequeme Fragen an unser Gesundheitssystem
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