Aggiornamento oder Aufarbeitung in der katholischen Kirche in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch

ShortId
10.3246
Id
20103246
Updated
01.07.2023 10:13
Language
de
Title
Aggiornamento oder Aufarbeitung in der katholischen Kirche in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch
AdditionalIndexing
12;2831
1
  • L06K050102010305, sexuelle Gewalt
  • L04K01040206, Jugendschutz
  • L05K0106020102, Katholizismus
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Gemäss Monsignore Charles J. Scicluna, dem "Staatsanwalt" des Tribunals der Kongregation für die Glaubenslehre, hat der Vatikan von 2001 bis 2010 etwa 3000 Anzeigen wegen Pädophilie von Priestern bearbeitet ("Avvenire", 13. März 2010). Diese Bekanntmachung ist Teil eines Prozesses des "Aggiornamento" (deutsch: Aufarbeitung) von Vorfällen in Zusammenhang mit Pädophilie; dies nach jahrzehntelangem Schweigen, während dem die katholische Kirche die Machenschaften ihrer Mitglieder systematisch gedeckt hat. Das Leiden von Tausenden von Opfern hat letztlich dazu geführt, dass das Gesetz des Schweigens und das grosse Tabu des Missbrauchs von Minderjährigen unter dem Dach der katholischen Kirche gebrochen werden konnte. </p><p>Im Jahr 2002 gab der Erzbischof von Boston zu, einen Priester gedeckt zu haben, der 130 Kinder sexuell missbraucht hatte. Dieses Geständnis hat zahlreiche Opfer dazu veranlasst, ebenfalls auszusagen: Nach der NGO "BishopAccountability" wurden mindestens 3000 der 42 000 Priester der USA denunziert. Entschädigungen über mehr als 2,3 Milliarden Dollar wurden ausgerichtet, was zahlreiche Kirchen in den Konkurs führte. </p><p>In Irland hat im Mai 2009 ein mehr als 2500-seitiger Bericht die "endemischen" Ausmasse jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs in katholischen Institutionen ans Licht gebracht. Die Zahl der Opfer beträgt nahezu 15 000, davon haben 12 500 eine staatliche Entschädigung erhalten. Ende 2009 zeigte ein zweiter Bericht auf, wie der Erzbischof von Dublin von 1975 bis 1995 den sexuellen Missbrauch von Tausenden von Kindern durch Priester gedeckt hatte.</p><p>2010 sind die katholischen Kirchen von Deutschland, Mexiko, Kanada, Holland, Österreich, Italien und Australien vom Skandal betroffen. </p><p>In der Schweiz hat im Februar 2008 der Bischof von Freiburg nach dem Vorfall des pädophilen Kapuziners die Opfer um Verzeihung gebeten und eine Kommission zur Wahrheitsfindung und Opferbegleitung einberufen. Bis heute gibt es jedoch keinen umfassenden Bericht über die Missbräuche in der katholischen Kirche in der Schweiz.</p>
  • <p>Der Bundesrat ist über Ausmass und Intensität der Übergriffe und des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen schockiert, die nach langem Schweigen in den letzten Monaten und Jahren auch in der römisch-katholischen Kirche rund um den Erdball bekanntgeworden sind.</p><p>Auch wenn solche Untaten keineswegs auf Priester der römisch-katholischen Kirche beschränkt sind, so ist ein solches Verhalten zumal gegenüber Kindern und Jugendlichen akkurates Gegenteil des ersten kirchlichen Auftrags, das die Seelsorge wäre.</p><p>Das kirchliche Gesetzbuch von 1918 und das neue kirchliche Gesetzbuch von 1983 erklären das Seelenheil zum höchsten Gesetz in der römisch-katholischen Kirche (... salute animarum, quae in Ecclesia suprema semper lex esse debet, Canon 1752). Unter dieser Prämisse erscheint das Verschweigen nur umso schwieriger nachvollziehbar: Nicht die Bekanntgabe ist Ärgernis, sondern die Straftat.</p><p>1. Der Bundesrat würde es begrüssen, wenn die Bischöfe Geschichte und Aktualität zu päderastischen Vergehen im Bereich der römisch-katholischen Kirche aufarbeiten liessen. Er teilt die Auffassung, dass die Opfer Anspruch auf einen solchen Akt der Wahrhaftigkeit hätten. Zugleich dürfte eine solche mutige Aufarbeitung geschehenen Unrechts generalpräventiv kaum zu unterschätzende Wirkung zeitigen.</p><p>2. Der Bundesrat hat bisher keine Schritte in Richtung einer gemeinsamen Präventionsstrategie zusammen mit der Schweizerischen Bischofskonferenz unternommen. Nach Artikel 72 Absatz 1 der Bundesverfassung (BV) fällt das Verhältnis Kirche-Staat in den Zuständigkeitsbereich der Kantone. Die Bundeskompetenz beschränkt sich auf Massnahmen zur Wahrung des interreligiösen Friedens.</p><p>3. Strafrechtsgesetzgebung (Art. 123 BV) ist Bundessache und gilt generell. Die Delikte gegen die sexuelle Integrität sind in den Artikeln 187 und folgende des Schweizerischen Strafgesetzbuches geregelt. Sexuelle Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB) sind Offizialdelikte. Ohne Anhaltspunkte können die staatlichen Organe indessen keine Untersuchungen einleiten. Dies gilt unabhängig davon, ob sich Übergriffe in einer Kirche, in einem Sportverein, im familiären Umfeld oder wo immer ereignen.</p>
  • <p>1. Hält der Bundesrat es nicht für ratsam, dass die katholische Kirche ihre Vergangenheit sowie die gegenwärtigen Ereignisse umfassend und rasch aufarbeitet, um den Missbrauchsopfern zu ihrem Recht zu verhelfen?</p><p>2. Hat der Bundesrat mit der katholischen Kirche Kontakt aufgenommen, um gemeinsam eine Präventionsstrategie zu entwickeln?</p><p>3. Was ist grundsätzlich die Politik des Bundesrates gegenüber festen Einrichtungen, in denen der Schutz der Institution wichtiger ist als die Anzeige von Missbrauch?</p>
  • Aggiornamento oder Aufarbeitung in der katholischen Kirche in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Gemäss Monsignore Charles J. Scicluna, dem "Staatsanwalt" des Tribunals der Kongregation für die Glaubenslehre, hat der Vatikan von 2001 bis 2010 etwa 3000 Anzeigen wegen Pädophilie von Priestern bearbeitet ("Avvenire", 13. März 2010). Diese Bekanntmachung ist Teil eines Prozesses des "Aggiornamento" (deutsch: Aufarbeitung) von Vorfällen in Zusammenhang mit Pädophilie; dies nach jahrzehntelangem Schweigen, während dem die katholische Kirche die Machenschaften ihrer Mitglieder systematisch gedeckt hat. Das Leiden von Tausenden von Opfern hat letztlich dazu geführt, dass das Gesetz des Schweigens und das grosse Tabu des Missbrauchs von Minderjährigen unter dem Dach der katholischen Kirche gebrochen werden konnte. </p><p>Im Jahr 2002 gab der Erzbischof von Boston zu, einen Priester gedeckt zu haben, der 130 Kinder sexuell missbraucht hatte. Dieses Geständnis hat zahlreiche Opfer dazu veranlasst, ebenfalls auszusagen: Nach der NGO "BishopAccountability" wurden mindestens 3000 der 42 000 Priester der USA denunziert. Entschädigungen über mehr als 2,3 Milliarden Dollar wurden ausgerichtet, was zahlreiche Kirchen in den Konkurs führte. </p><p>In Irland hat im Mai 2009 ein mehr als 2500-seitiger Bericht die "endemischen" Ausmasse jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs in katholischen Institutionen ans Licht gebracht. Die Zahl der Opfer beträgt nahezu 15 000, davon haben 12 500 eine staatliche Entschädigung erhalten. Ende 2009 zeigte ein zweiter Bericht auf, wie der Erzbischof von Dublin von 1975 bis 1995 den sexuellen Missbrauch von Tausenden von Kindern durch Priester gedeckt hatte.</p><p>2010 sind die katholischen Kirchen von Deutschland, Mexiko, Kanada, Holland, Österreich, Italien und Australien vom Skandal betroffen. </p><p>In der Schweiz hat im Februar 2008 der Bischof von Freiburg nach dem Vorfall des pädophilen Kapuziners die Opfer um Verzeihung gebeten und eine Kommission zur Wahrheitsfindung und Opferbegleitung einberufen. Bis heute gibt es jedoch keinen umfassenden Bericht über die Missbräuche in der katholischen Kirche in der Schweiz.</p>
    • <p>Der Bundesrat ist über Ausmass und Intensität der Übergriffe und des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen schockiert, die nach langem Schweigen in den letzten Monaten und Jahren auch in der römisch-katholischen Kirche rund um den Erdball bekanntgeworden sind.</p><p>Auch wenn solche Untaten keineswegs auf Priester der römisch-katholischen Kirche beschränkt sind, so ist ein solches Verhalten zumal gegenüber Kindern und Jugendlichen akkurates Gegenteil des ersten kirchlichen Auftrags, das die Seelsorge wäre.</p><p>Das kirchliche Gesetzbuch von 1918 und das neue kirchliche Gesetzbuch von 1983 erklären das Seelenheil zum höchsten Gesetz in der römisch-katholischen Kirche (... salute animarum, quae in Ecclesia suprema semper lex esse debet, Canon 1752). Unter dieser Prämisse erscheint das Verschweigen nur umso schwieriger nachvollziehbar: Nicht die Bekanntgabe ist Ärgernis, sondern die Straftat.</p><p>1. Der Bundesrat würde es begrüssen, wenn die Bischöfe Geschichte und Aktualität zu päderastischen Vergehen im Bereich der römisch-katholischen Kirche aufarbeiten liessen. Er teilt die Auffassung, dass die Opfer Anspruch auf einen solchen Akt der Wahrhaftigkeit hätten. Zugleich dürfte eine solche mutige Aufarbeitung geschehenen Unrechts generalpräventiv kaum zu unterschätzende Wirkung zeitigen.</p><p>2. Der Bundesrat hat bisher keine Schritte in Richtung einer gemeinsamen Präventionsstrategie zusammen mit der Schweizerischen Bischofskonferenz unternommen. Nach Artikel 72 Absatz 1 der Bundesverfassung (BV) fällt das Verhältnis Kirche-Staat in den Zuständigkeitsbereich der Kantone. Die Bundeskompetenz beschränkt sich auf Massnahmen zur Wahrung des interreligiösen Friedens.</p><p>3. Strafrechtsgesetzgebung (Art. 123 BV) ist Bundessache und gilt generell. Die Delikte gegen die sexuelle Integrität sind in den Artikeln 187 und folgende des Schweizerischen Strafgesetzbuches geregelt. Sexuelle Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB) sind Offizialdelikte. Ohne Anhaltspunkte können die staatlichen Organe indessen keine Untersuchungen einleiten. Dies gilt unabhängig davon, ob sich Übergriffe in einer Kirche, in einem Sportverein, im familiären Umfeld oder wo immer ereignen.</p>
    • <p>1. Hält der Bundesrat es nicht für ratsam, dass die katholische Kirche ihre Vergangenheit sowie die gegenwärtigen Ereignisse umfassend und rasch aufarbeitet, um den Missbrauchsopfern zu ihrem Recht zu verhelfen?</p><p>2. Hat der Bundesrat mit der katholischen Kirche Kontakt aufgenommen, um gemeinsam eine Präventionsstrategie zu entwickeln?</p><p>3. Was ist grundsätzlich die Politik des Bundesrates gegenüber festen Einrichtungen, in denen der Schutz der Institution wichtiger ist als die Anzeige von Missbrauch?</p>
    • Aggiornamento oder Aufarbeitung in der katholischen Kirche in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch

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