Krankenversicherungsgesetz. Einführung des Singapur-Modells

ShortId
10.3741
Id
20103741
Updated
14.11.2025 07:07
Language
de
Title
Krankenversicherungsgesetz. Einführung des Singapur-Modells
AdditionalIndexing
2841;Selbsthilfe;Krankenversicherung;Gesundheitswesen;Sparmassnahme;Singapur;Kosten des Gesundheitswesens;Risikodeckung
1
  • L04K01040109, Krankenversicherung
  • L04K01050501, Kosten des Gesundheitswesens
  • L04K11080108, Sparmassnahme
  • L05K1110011301, Risikodeckung
  • L05K0807010601, Selbsthilfe
  • L04K03030309, Singapur
  • L04K01050511, Gesundheitswesen
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Verschiedene Aspekte haben dazu geführt, dass das Gesundheitswesen in keinem Verhältnis mehr zur finanziellen Realität und zum Markt steht: die fehlende Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten, die nur einen kleinen Teil der beanspruchten Leistungen direkt bezahlen, der Pseudo-Wettbewerb zwischen Versicherern, die sich in Kartellen zusammenschliessen, die Verschleierung der Kosten durch Subventionierung sowie die Umverteilung der Lasten und Ressourcen, die dem Einfluss von Interessengruppen unterliegt.</p><p>Die Entscheidungskompetenz hat sich von der Arzt-Patienten-Ebene hin zu den Gesundheitsbehörden und den Versicherern verlagert, mit beunruhigenden Ergebnissen: Die Bedürfnisklausel wurde eingeführt, es herrscht ein Mangel an unternehmerischen privat praktizierenden Ärztinnen und Ärzten, die Spitalsysteme, die auf Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung oder aus dem Ausland ausgerichtet sind, werden gestärkt, und die Kostenkontrolle ist mangelhaft.</p><p>Die Gesellschaft braucht ein Spar- und Finanzierungsmodell im Gesundheitsbereich, das den Anforderungen dieses Jahrhunderts gerecht werden kann (Alterung der Bevölkerung, körperliche Beschwerden im dritten und vierten Lebensalter). Der Erfolg der Reformen hängt dabei von der Fähigkeit der Institutionen ab, das soziale Netz, das Risikomanagement und die Vorsorge voneinander zu trennen. Die Krankenversicherung soll zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurückfinden, nämlich Risiken abzudecken. Ein Sparsystem im Gesundheitsbereich soll zur Finanzierung abschätzbarer gesundheitlicher Probleme dienen. Singapur hat dies begriffen: Das leistungsstarke Gesundheitssystem dort basiert auf dem Prinzip eines Gesundheitssparkontos (Medisave), das an Risikoversicherungen für schwerwiegendere gesundheitliche Probleme (Medifund, Medishield) gekoppelt ist. Das Gesundheitssparkonto (auf das monatlich 6 bis 8 Prozent des Einkommens einbezahlt werden) hält die Patientinnen und Patienten dazu an, die beanspruchten Leistungen in einem vernünftigen Mass zu halten. Medifund und Medishield sind die zwei Sozialversicherungsinstrumente des Singapur-Modells. Sie stellen den Zugang zu medizinischer Betreuung sicher, wenn die Patientinnen und Patienten die Behandlung nicht bezahlen können. Medishield deckt sehr schwerwiegende oder sehr seltene Krankheiten ab, deren Kosten eine Einzelperson nicht tragen kann. Die Trennung von Versicherungs- und Solidaritätsfunktion ist das Erfolgsgeheimnis dieses effizienten und leistungsstarken Modells, das die Eigenverantwortung und das Kostenbewusstsein fördert.</p>
  • <p>Die Frage eines grundsätzlichen Systemwechsels hin zu einer Grossrisikoversicherung und die Frage des Abbaus von Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung bildeten in diesem Jahrzehnt Gegenstand der Volksinitiativen "für tiefere Spitalkosten" und "für tiefere Krankenkassenprämien in der Grundversicherung". Beide Initiativen wurden von Volk und Ständen in den Jahren 2000 und 2008 abgelehnt. Im Zusammenhang mit diesen und weiteren Revisionsbegehren hat sich der Bundesrat stets für die Aufrechterhaltung des Zugangs der gesamten Bevölkerung zu einer umfassenden und qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung bekannt. </p><p>Die Einführung des Singapur-Modells, das aus einer Grossrisikoversicherung, einem individuellen Gesundheitskonto und einer Sozialversicherung für wirtschaftlich schwache Personen besteht, würde den Zugang zur medizinischen Versorgung nicht mehr für alle Bevölkerungsgruppen gleichermassen gewährleisten. Darüber hinaus decken die genannten Versicherungsformen (bzw. individuelle Gesundheitskonten) auch in Singapur nur rund 10 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Der Rest wird über Arbeitgeberleistungen (35 Prozent), staatliche Zuschüsse (25 Prozent), Privatversicherungen (5 Prozent) und individuell getragene Kosten (25 Prozent) abgedeckt. Wie das in Singapur geltende System misst die obligatorische Krankenpflegeversicherung in der Schweiz der Selbstverantwortung der Versicherten bedeutendes Gewicht bei. Mit der Wahl höherer Franchisen haben die in der Schweiz versicherten Personen die Möglichkeit, ihre Versicherung auf die Deckung grösserer Risiken einzuschränken und für Bagatell-Erkrankungen selbst aufzukommen. Im Jahr 2009 hat mehr als die Hälfte der erwachsenen Versicherten diese Versicherungsform gewählt. Auch mit dem Selbstbehalt wird das Kostenbewusstsein der Versicherten angesprochen. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung hat gegenüber dem Singapur-Modell indessen den Vorteil, dass keine Lücken in der Versicherungsdeckung auftreten können. </p><p>Bei seinen Reformvorhaben berücksichtigt der Bundesrat immer auch andere Erfahrungen und Reformansätze in anderen Ländern. In diesem Sinn ist auch das Singapur-Modell von Interesse. Angesichts der unterschiedlichen kulturellen, politischen und sozialen Gegebenheiten wäre ein solcher Systemwechsel aber mit grossem Aufwand und erheblichen Risiken behaftet, dies bei ungewissen Erfolgsaussichten. Der Bundesrat hält aus all diesen Gründen die Einführung des Singapur-Modells nicht für opportun.</p> Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.
  • <p>Der Bundesrat wird beauftragt, dem Parlament eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes vorzulegen, mit der die drei Pfeiler des Singapur-Modells eingeführt werden (Sparsystem im Gesundheitsbereich: Medisave, Medishield, Medifund).</p>
  • Krankenversicherungsgesetz. Einführung des Singapur-Modells
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Verschiedene Aspekte haben dazu geführt, dass das Gesundheitswesen in keinem Verhältnis mehr zur finanziellen Realität und zum Markt steht: die fehlende Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten, die nur einen kleinen Teil der beanspruchten Leistungen direkt bezahlen, der Pseudo-Wettbewerb zwischen Versicherern, die sich in Kartellen zusammenschliessen, die Verschleierung der Kosten durch Subventionierung sowie die Umverteilung der Lasten und Ressourcen, die dem Einfluss von Interessengruppen unterliegt.</p><p>Die Entscheidungskompetenz hat sich von der Arzt-Patienten-Ebene hin zu den Gesundheitsbehörden und den Versicherern verlagert, mit beunruhigenden Ergebnissen: Die Bedürfnisklausel wurde eingeführt, es herrscht ein Mangel an unternehmerischen privat praktizierenden Ärztinnen und Ärzten, die Spitalsysteme, die auf Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung oder aus dem Ausland ausgerichtet sind, werden gestärkt, und die Kostenkontrolle ist mangelhaft.</p><p>Die Gesellschaft braucht ein Spar- und Finanzierungsmodell im Gesundheitsbereich, das den Anforderungen dieses Jahrhunderts gerecht werden kann (Alterung der Bevölkerung, körperliche Beschwerden im dritten und vierten Lebensalter). Der Erfolg der Reformen hängt dabei von der Fähigkeit der Institutionen ab, das soziale Netz, das Risikomanagement und die Vorsorge voneinander zu trennen. Die Krankenversicherung soll zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurückfinden, nämlich Risiken abzudecken. Ein Sparsystem im Gesundheitsbereich soll zur Finanzierung abschätzbarer gesundheitlicher Probleme dienen. Singapur hat dies begriffen: Das leistungsstarke Gesundheitssystem dort basiert auf dem Prinzip eines Gesundheitssparkontos (Medisave), das an Risikoversicherungen für schwerwiegendere gesundheitliche Probleme (Medifund, Medishield) gekoppelt ist. Das Gesundheitssparkonto (auf das monatlich 6 bis 8 Prozent des Einkommens einbezahlt werden) hält die Patientinnen und Patienten dazu an, die beanspruchten Leistungen in einem vernünftigen Mass zu halten. Medifund und Medishield sind die zwei Sozialversicherungsinstrumente des Singapur-Modells. Sie stellen den Zugang zu medizinischer Betreuung sicher, wenn die Patientinnen und Patienten die Behandlung nicht bezahlen können. Medishield deckt sehr schwerwiegende oder sehr seltene Krankheiten ab, deren Kosten eine Einzelperson nicht tragen kann. Die Trennung von Versicherungs- und Solidaritätsfunktion ist das Erfolgsgeheimnis dieses effizienten und leistungsstarken Modells, das die Eigenverantwortung und das Kostenbewusstsein fördert.</p>
    • <p>Die Frage eines grundsätzlichen Systemwechsels hin zu einer Grossrisikoversicherung und die Frage des Abbaus von Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung bildeten in diesem Jahrzehnt Gegenstand der Volksinitiativen "für tiefere Spitalkosten" und "für tiefere Krankenkassenprämien in der Grundversicherung". Beide Initiativen wurden von Volk und Ständen in den Jahren 2000 und 2008 abgelehnt. Im Zusammenhang mit diesen und weiteren Revisionsbegehren hat sich der Bundesrat stets für die Aufrechterhaltung des Zugangs der gesamten Bevölkerung zu einer umfassenden und qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung bekannt. </p><p>Die Einführung des Singapur-Modells, das aus einer Grossrisikoversicherung, einem individuellen Gesundheitskonto und einer Sozialversicherung für wirtschaftlich schwache Personen besteht, würde den Zugang zur medizinischen Versorgung nicht mehr für alle Bevölkerungsgruppen gleichermassen gewährleisten. Darüber hinaus decken die genannten Versicherungsformen (bzw. individuelle Gesundheitskonten) auch in Singapur nur rund 10 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Der Rest wird über Arbeitgeberleistungen (35 Prozent), staatliche Zuschüsse (25 Prozent), Privatversicherungen (5 Prozent) und individuell getragene Kosten (25 Prozent) abgedeckt. Wie das in Singapur geltende System misst die obligatorische Krankenpflegeversicherung in der Schweiz der Selbstverantwortung der Versicherten bedeutendes Gewicht bei. Mit der Wahl höherer Franchisen haben die in der Schweiz versicherten Personen die Möglichkeit, ihre Versicherung auf die Deckung grösserer Risiken einzuschränken und für Bagatell-Erkrankungen selbst aufzukommen. Im Jahr 2009 hat mehr als die Hälfte der erwachsenen Versicherten diese Versicherungsform gewählt. Auch mit dem Selbstbehalt wird das Kostenbewusstsein der Versicherten angesprochen. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung hat gegenüber dem Singapur-Modell indessen den Vorteil, dass keine Lücken in der Versicherungsdeckung auftreten können. </p><p>Bei seinen Reformvorhaben berücksichtigt der Bundesrat immer auch andere Erfahrungen und Reformansätze in anderen Ländern. In diesem Sinn ist auch das Singapur-Modell von Interesse. Angesichts der unterschiedlichen kulturellen, politischen und sozialen Gegebenheiten wäre ein solcher Systemwechsel aber mit grossem Aufwand und erheblichen Risiken behaftet, dies bei ungewissen Erfolgsaussichten. Der Bundesrat hält aus all diesen Gründen die Einführung des Singapur-Modells nicht für opportun.</p> Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.
    • <p>Der Bundesrat wird beauftragt, dem Parlament eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes vorzulegen, mit der die drei Pfeiler des Singapur-Modells eingeführt werden (Sparsystem im Gesundheitsbereich: Medisave, Medishield, Medifund).</p>
    • Krankenversicherungsgesetz. Einführung des Singapur-Modells

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