Gezieltes Testen als Strategie im Kampf gegen sexuell übertragbare Viruskrankheiten
- ShortId
-
13.3734
- Id
-
20133734
- Updated
-
16.05.2024 13:13
- Language
-
de
- Title
-
Gezieltes Testen als Strategie im Kampf gegen sexuell übertragbare Viruskrankheiten
- AdditionalIndexing
-
2841;Gesundheitsförderung;medizinische Diagnose;AIDS;Infektionskrankheit;AIDS-Test
- 1
-
- L04K01050101, AIDS
- L04K01050109, Infektionskrankheit
- L05K0105010101, AIDS-Test
- L04K01050208, medizinische Diagnose
- L04K01050507, Gesundheitsförderung
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>In der Schweiz sind bei HIV, HCV und HBV insgesamt mehr als 1,4 Prozent der Bevölkerung betroffen (HIV 20 000 bis 30 000; HCV 70 000 bis 100 000; HBV 20 000 bis 40 000). Die Zahl der Neuansteckungen ist aktuell stabil. Viele Virusträger geben das Virus unerkannt und/oder unwissend weiter. Innert kurzer Zeit verzeichneten wir einen 18-fachen Anstieg von HCV-Neuansteckungen bei MSM. Jährlich werden bei HIV 600, bei HCV 1500 und bei HBV 100 Fälle neu gemeldet. Für HCV belaufen sich die Kosten aller nichtbehandelten Erkrankungen bis 2030 auf 40 bis 50 Millionen Franken pro Jahr (die Kosten einer Lebertransplantation betragen 150 000 Franken).</p><p>Eine kosteneffiziente Massnahme zur Intervention bei STI ist das gezielte Testen: eine diagnostische Abklärung, die bei gewissen Verdachtsmomenten veranlasst wird. Studien haben nachgewiesen, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis eines Tests direkt abhängig von der Häufigkeit einer Erkrankung in der untersuchten Bevölkerung ist. Die Schweiz stellt in ihrer HIV-Teststrategie ("BAG-Bulletin" 21/07) auf Symptome und Krankheitsbilder ab, in denen systematisch ein HIV-Test indiziert werden soll, weil unter diesen Symptomen HIV häufiger auftritt und das Testen in diesen Situationen kosteneffizient ist (ein allgemeines Testen hingegen nicht). Müssten diese Erfahrungen nicht auch in den Gebieten mit HCV und HBV Eingang finden und bestimmte Testrichtlinien erarbeitet werden, in welchen Zielgruppen mit erhöhter Häufigkeit von HCV und HBV und unter welchen Umständen ein Testen systematisch indiziert werden soll? Bei HCV empfiehlt sich das sehr gezielte Testen der Babyboomer-Jahrgänge 1945 bis 1965.</p><p>Der kürzliche Anstieg der HIV-Neuinfektionen kann beispielsweise auf ein verbessertes Testen in den Zielgruppen mit erhöhter HIV-Häufigkeit zurückgeführt werden.</p><p>Die frühzeitige Erkennung einer STI erlaubt</p><p>1. den rechtzeitigen Zugang zu Beratung/Therapie;</p><p>2. die Verhinderung einer Verteuerung der Behandlung wegen zu später Diagnose und Gesundheitsschäden;</p><p>3. die Verhinderung der unwissentlichen Weitergabe des Virus auf den Sexualpartner. Zusätzlich, wenn HCV frühzeitig erkannt und behandelt würde, könnten damit jährlich etwa 40 bis 50 Lebertransplantationen verhindert werden.</p>
- <p>1. Sexuell übertragbare Infektionen (STI, sexually transmitted infections) werden sowohl durch Viren (Humanes Immunschwäche-Virus, Hepatitis-B-Virus) als auch durch Bakterien (insbesondere die Erreger der Syphilis, der Gonorrhö, der Chlamydiose) verursacht. Hepatitis C ist dagegen eine Viruskrankheit, die nur selten sexuell übertragen wird.</p><p>Für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen befürwortet der Bundesrat das von der Interpellantin geforderte gezielte Testen. Diese Strategie ist im Nationalen Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen 2011-2017 (NPHS) ausdrücklich enthalten: Angehörige der Zielgruppen der Achse 2 (Männer, die mit Männern Sex haben; Sexworker und Sexworkerinnen; Migranten und Migrantinnen aus Endemieländern; intravenös Drogenkonsumierende und Menschen im Straf- und Massnahmenvollzug) sollen sich regelmässig auf HIV und andere STI untersuchen lassen, wobei Testzeitpunkt und -häufigkeit vom individuellen sexuellen Verhalten (Partnerzahl, Kondomgebrauch, andere Schutzstrategien) mitbestimmt werden sollten. Diese Strategie wurde vom Bundesrat beschlossen, ist anerkannt und wird teilweise umgesetzt. Die dafür notwendigen Laboruntersuchungen sind teilweise sehr teuer. Sie werden bei medizinischer Indikation zwar von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) übernommen, unterliegen aber Selbstbehalt und Franchise.</p><p>Wir gehen davon aus, dass viele Menschen, die sich gezielt testen lassen sollten, jung und gesund sind und eine hohe Franchise abgeschlossen haben, um von den Prämienrabatten zu profitieren. Weil in diesem Fall die gesamten Untersuchungskosten zu ihren Lasten gehen, ist damit zu rechnen, dass sie sich häufig gegen die Durchführung der medizinisch indizierten und ärztlich empfohlenen Untersuchungen entscheiden. Dies ist nicht nur zum Nachteil für ihre eigene Gesundheit, sondern auch zum Nachteil für die öffentliche Gesundheit und zum Nachteil für die Prämienzahler. Werden Infektionen nicht erkannt, haben sie Spätfolgen für die betroffene Person, und die Behandlung kann komplexer werden. Auch werden nichtdiagnostizierte Infektionen weitergegeben. Beide Umstände dürften Mehrkosten zulasten der OKP verursachen.</p><p>Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus kann kosteneffektiv durch eine Impfung vorgebeugt werden. Die Impfung wird seit 1998 allen Jugendlichen empfohlen. Zudem werden Schwangere auf das Hepatitis-B-Virus getestet, um bei positivem Befund das Neugeborene zu immunisieren. Darüber hinaus ist die Impfung allen Menschen mit erhöhtem Risiko des Kontaktes mit einer das Hepatitis-B-Virus tragenden Person empfohlen (z. B. medizinisches, zahnärztliches und pflegendes Personal, Drogenkonsumierende und ihre Betreuenden, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, Sexworkerinnen, Dialysepatienten usw). Durch die Verankerung der Hepatitis-B-Impfung in den Schweizerischen Impfempfehlungen konnte bereits eine derart breite Impfabdeckung erzielt werden, dass Neuerkrankungen an Hepatitis B rückläufig sind und dieser Trend auch in Zukunft anhalten wird.</p><p>Das Hepatitis-C-Virus dagegen ist nur in seltenen Fällen sexuell übertragbar. Die Hauptübertragung erfolgte früher über medizinische Eingriffe, bevor Blut und Blutprodukte auf das Hepatitis-C-Virus getestet werden konnten, und heute noch innerhalb der Gruppe der intravenös Drogenkonsumierenden. Für das gezielte Testen auf Hepatitis C bestehen bereits Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit und des Netzwerkes von Hepatitis-Fachspezialisten (SEVHep). Die neuesten Empfehlungen sind 2013 in der Fachzeitschrift "Swiss Medical Weekly" erschienen. Das gezielte Testen ist bei den Hauptrisikogruppen (ehemals oder aktuell Drogenkonsumierende; Menschen, die bis Ende der Achtzigerjahre ein Organ oder eine Bluttransfusion erhalten haben; Dialysepatienten; Kinder von infizierten Müttern; Gesundheitspersonal nach Exposition mit infiziertem Blut) empfohlen. Diese Empfehlungen werden periodisch überprüft und mit internationalen Empfehlungen abgeglichen. Die Nützlichkeit einer gezielten Testempfehlung für die Jahrgänge 1955 bis 1975 ist gegenwärtig in Evaluation.</p><p>2. Der Bundesrat hat das gezielte Testen auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen als zielführende Strategie im NPHS verankert. Er unterstützt das gezielte Testen auch bei anderen übertragbaren Viruskrankheiten wie Hepatitis C. Der Bundesrat ist deshalb der Ansicht, dass das Anliegen der Interpellantin bereits heute weitgehend erfüllt ist.</p> Antwort des Bundesrates.
- <p>Würde der Bundesrat ein gezielteres Testen von sexuell übertragbaren Viruskrankheiten (STI) als zielführende Strategie unterstützen? Sollte der Bundesrat dieses Vorgehen nicht in Betracht ziehen, welche Strategie wäre dann zielführend?</p>
- Gezieltes Testen als Strategie im Kampf gegen sexuell übertragbare Viruskrankheiten
- State
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Erledigt
- Related Affairs
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- Drafts
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-
- Index
- 0
- Texts
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- <p>In der Schweiz sind bei HIV, HCV und HBV insgesamt mehr als 1,4 Prozent der Bevölkerung betroffen (HIV 20 000 bis 30 000; HCV 70 000 bis 100 000; HBV 20 000 bis 40 000). Die Zahl der Neuansteckungen ist aktuell stabil. Viele Virusträger geben das Virus unerkannt und/oder unwissend weiter. Innert kurzer Zeit verzeichneten wir einen 18-fachen Anstieg von HCV-Neuansteckungen bei MSM. Jährlich werden bei HIV 600, bei HCV 1500 und bei HBV 100 Fälle neu gemeldet. Für HCV belaufen sich die Kosten aller nichtbehandelten Erkrankungen bis 2030 auf 40 bis 50 Millionen Franken pro Jahr (die Kosten einer Lebertransplantation betragen 150 000 Franken).</p><p>Eine kosteneffiziente Massnahme zur Intervention bei STI ist das gezielte Testen: eine diagnostische Abklärung, die bei gewissen Verdachtsmomenten veranlasst wird. Studien haben nachgewiesen, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis eines Tests direkt abhängig von der Häufigkeit einer Erkrankung in der untersuchten Bevölkerung ist. Die Schweiz stellt in ihrer HIV-Teststrategie ("BAG-Bulletin" 21/07) auf Symptome und Krankheitsbilder ab, in denen systematisch ein HIV-Test indiziert werden soll, weil unter diesen Symptomen HIV häufiger auftritt und das Testen in diesen Situationen kosteneffizient ist (ein allgemeines Testen hingegen nicht). Müssten diese Erfahrungen nicht auch in den Gebieten mit HCV und HBV Eingang finden und bestimmte Testrichtlinien erarbeitet werden, in welchen Zielgruppen mit erhöhter Häufigkeit von HCV und HBV und unter welchen Umständen ein Testen systematisch indiziert werden soll? Bei HCV empfiehlt sich das sehr gezielte Testen der Babyboomer-Jahrgänge 1945 bis 1965.</p><p>Der kürzliche Anstieg der HIV-Neuinfektionen kann beispielsweise auf ein verbessertes Testen in den Zielgruppen mit erhöhter HIV-Häufigkeit zurückgeführt werden.</p><p>Die frühzeitige Erkennung einer STI erlaubt</p><p>1. den rechtzeitigen Zugang zu Beratung/Therapie;</p><p>2. die Verhinderung einer Verteuerung der Behandlung wegen zu später Diagnose und Gesundheitsschäden;</p><p>3. die Verhinderung der unwissentlichen Weitergabe des Virus auf den Sexualpartner. Zusätzlich, wenn HCV frühzeitig erkannt und behandelt würde, könnten damit jährlich etwa 40 bis 50 Lebertransplantationen verhindert werden.</p>
- <p>1. Sexuell übertragbare Infektionen (STI, sexually transmitted infections) werden sowohl durch Viren (Humanes Immunschwäche-Virus, Hepatitis-B-Virus) als auch durch Bakterien (insbesondere die Erreger der Syphilis, der Gonorrhö, der Chlamydiose) verursacht. Hepatitis C ist dagegen eine Viruskrankheit, die nur selten sexuell übertragen wird.</p><p>Für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen befürwortet der Bundesrat das von der Interpellantin geforderte gezielte Testen. Diese Strategie ist im Nationalen Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen 2011-2017 (NPHS) ausdrücklich enthalten: Angehörige der Zielgruppen der Achse 2 (Männer, die mit Männern Sex haben; Sexworker und Sexworkerinnen; Migranten und Migrantinnen aus Endemieländern; intravenös Drogenkonsumierende und Menschen im Straf- und Massnahmenvollzug) sollen sich regelmässig auf HIV und andere STI untersuchen lassen, wobei Testzeitpunkt und -häufigkeit vom individuellen sexuellen Verhalten (Partnerzahl, Kondomgebrauch, andere Schutzstrategien) mitbestimmt werden sollten. Diese Strategie wurde vom Bundesrat beschlossen, ist anerkannt und wird teilweise umgesetzt. Die dafür notwendigen Laboruntersuchungen sind teilweise sehr teuer. Sie werden bei medizinischer Indikation zwar von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) übernommen, unterliegen aber Selbstbehalt und Franchise.</p><p>Wir gehen davon aus, dass viele Menschen, die sich gezielt testen lassen sollten, jung und gesund sind und eine hohe Franchise abgeschlossen haben, um von den Prämienrabatten zu profitieren. Weil in diesem Fall die gesamten Untersuchungskosten zu ihren Lasten gehen, ist damit zu rechnen, dass sie sich häufig gegen die Durchführung der medizinisch indizierten und ärztlich empfohlenen Untersuchungen entscheiden. Dies ist nicht nur zum Nachteil für ihre eigene Gesundheit, sondern auch zum Nachteil für die öffentliche Gesundheit und zum Nachteil für die Prämienzahler. Werden Infektionen nicht erkannt, haben sie Spätfolgen für die betroffene Person, und die Behandlung kann komplexer werden. Auch werden nichtdiagnostizierte Infektionen weitergegeben. Beide Umstände dürften Mehrkosten zulasten der OKP verursachen.</p><p>Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus kann kosteneffektiv durch eine Impfung vorgebeugt werden. Die Impfung wird seit 1998 allen Jugendlichen empfohlen. Zudem werden Schwangere auf das Hepatitis-B-Virus getestet, um bei positivem Befund das Neugeborene zu immunisieren. Darüber hinaus ist die Impfung allen Menschen mit erhöhtem Risiko des Kontaktes mit einer das Hepatitis-B-Virus tragenden Person empfohlen (z. B. medizinisches, zahnärztliches und pflegendes Personal, Drogenkonsumierende und ihre Betreuenden, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, Sexworkerinnen, Dialysepatienten usw). Durch die Verankerung der Hepatitis-B-Impfung in den Schweizerischen Impfempfehlungen konnte bereits eine derart breite Impfabdeckung erzielt werden, dass Neuerkrankungen an Hepatitis B rückläufig sind und dieser Trend auch in Zukunft anhalten wird.</p><p>Das Hepatitis-C-Virus dagegen ist nur in seltenen Fällen sexuell übertragbar. Die Hauptübertragung erfolgte früher über medizinische Eingriffe, bevor Blut und Blutprodukte auf das Hepatitis-C-Virus getestet werden konnten, und heute noch innerhalb der Gruppe der intravenös Drogenkonsumierenden. Für das gezielte Testen auf Hepatitis C bestehen bereits Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit und des Netzwerkes von Hepatitis-Fachspezialisten (SEVHep). Die neuesten Empfehlungen sind 2013 in der Fachzeitschrift "Swiss Medical Weekly" erschienen. Das gezielte Testen ist bei den Hauptrisikogruppen (ehemals oder aktuell Drogenkonsumierende; Menschen, die bis Ende der Achtzigerjahre ein Organ oder eine Bluttransfusion erhalten haben; Dialysepatienten; Kinder von infizierten Müttern; Gesundheitspersonal nach Exposition mit infiziertem Blut) empfohlen. Diese Empfehlungen werden periodisch überprüft und mit internationalen Empfehlungen abgeglichen. Die Nützlichkeit einer gezielten Testempfehlung für die Jahrgänge 1955 bis 1975 ist gegenwärtig in Evaluation.</p><p>2. Der Bundesrat hat das gezielte Testen auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen als zielführende Strategie im NPHS verankert. Er unterstützt das gezielte Testen auch bei anderen übertragbaren Viruskrankheiten wie Hepatitis C. Der Bundesrat ist deshalb der Ansicht, dass das Anliegen der Interpellantin bereits heute weitgehend erfüllt ist.</p> Antwort des Bundesrates.
- <p>Würde der Bundesrat ein gezielteres Testen von sexuell übertragbaren Viruskrankheiten (STI) als zielführende Strategie unterstützen? Sollte der Bundesrat dieses Vorgehen nicht in Betracht ziehen, welche Strategie wäre dann zielführend?</p>
- Gezieltes Testen als Strategie im Kampf gegen sexuell übertragbare Viruskrankheiten
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