Interkulturelles Dolmetschen in der psychiatrischen Behandlung

ShortId
17.3077
Id
20173077
Updated
28.07.2023 04:43
Language
de
Title
Interkulturelles Dolmetschen in der psychiatrischen Behandlung
AdditionalIndexing
2841;2811;2831
1
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <p>Die gesundheitliche Situation der Migrationsbevölkerung ist deutlich schlechter als diejenige der Schweizer Bevölkerung. Bei Flüchtlingen, die in ihren Heimatländern und auf der Flucht häufig traumatische Erfahrungen wie bewaffnete Konflikte, Gewalt, Folter und Vergewaltigungen erlebt haben, leidet gemäss internationalen Studien rund die Hälfte unter psychischen Erkrankungen. Bund und Kantone sorgen gemeinsam für Verbesserungen des Behandlungsangebotes für diese besonders vulnerable Zielgruppe. Für eine erfolgreiche psychiatrische Behandlung ist die Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und diesen Patientinnen und Patienten von zentraler Bedeutung und der Einsatz von interkulturell Dolmetschenden unabdingbar. Nur so können unnötige Abklärungen sowie Fehldiagnosen und -behandlungen vermieden werden. Die bisherigen Massnahmen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) sind zwar sehr begrüssenswert, lösen das Grundproblem aber nicht, solange die Finanzierung des interkulturellen Dolmetschens bei der psychiatrischen Behandlung nicht sichergestellt ist.</p>
  • <p>1. Dem Bundesrat ist bewusst, dass für Migrantinnen und Migranten besondere Zugangs- und Versorgungsschwierigkeiten in der Psychiatrie bestehen. Neben kulturell bedingter Stigmatisierung psychischer Krankheiten, einer anderen Krankheitswahrnehmung (häufig Somatisierung) oder fehlendem Wissen über das Versorgungssystem sind es insbesondere auch sprachliche Barrieren aufgrund fehlender Therapeutinnen und Therapeuten in ihrer Muttersprache oder des Fehlens einer Übersetzung durch interkulturelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher (siehe BAG-Studie, 2016: "Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz": <a href="http://www.bag.admin.ch">www.bag.admin.ch</a> &gt; Themen &gt; Mensch &amp; Gesundheit &gt; Psychische Gesundheit &gt; Politische Aufträge im Bereich psychische Gesundheit &gt; Postulat: Zukunft der Psychiatrie in der Schweiz &gt; Dokumente). Die Auswirkungen ungenügender oder fehlender psychiatrischer Behandlungen können allerdings nicht beziffert werden.</p><p>2. Eine adäquate Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patienten und Patientinnen ohne Kenntnisse einer Landessprache ist eine Behandlungssituation mit besonderen Herausforderungen. Das BAG fördert darum seit 2002 gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) das interkulturelle Dolmetschen und dessen Qualitätssicherung und -entwicklung: Dazu werden die schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen (Interpret) sowie der nationale Telefondolmetschdienst gestützt auf Artikel 53 Absatz 3 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG; SR 142.20) finanziell unterstützt. Des Weiteren setzen sich im Rahmen des Projektes "Swiss Hospitals for Equity" verschiedene grosse Spitäler dafür ein, die Versorgungsqualität für Migrantinnen und Migranten sowie weitere benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu verbessern und Zugangsbarrieren abzubauen. Das BAG stellt zudem für Gesundheitsfachpersonen die Online-Weiterbildung "Interaktion und Qualität" zur Verfügung.</p><p>Wie Erhebungen zeigen, wachsen die Einsatzstunden von Dolmetschleistungen jährlich. Während im Jahr 2010 im Gesundheitsbereich 72 000 Dolmetschstunden geleistet wurden, waren es 2015 bereits 138 500 Stunden. Gut ein Drittel dieser Einsätze fand im Bereich der Psychiatrie statt. Um den Einsatz von Dolmetschenden in psychiatrisch-psychotherapeutischen Institutionen weiter zu fördern, hat das SEM das Pilotprojekt "Zugänge schaffen" initiiert. Im Rahmen des Pilotprojekts können die teilnehmenden Institutionen während eineinhalb Jahren qualifizierte interkulturell Dolmetschende für die Beratungs- und Behandlungssitzungen beiziehen.</p><p>3. Aktuell werden die Kosten der interkulturell Dolmetschenden im Gesundheitsbereich teilweise durch die Kantone übernommen. Obwohl Empfehlungen der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) vom 26. Mai 2010 zur Abgeltung von Dolmetschleistungen im Rahmen von Leistungsvereinbarungen oder Abgeltungsverträgen mit den Spitälern bestehen (siehe www.gdk-cds.ch &gt; Dokumentation &gt; Empfehlungen), fallen die kantonalen Beiträge an die Finanzierung dieser Leistungen unterschiedlich aus oder fehlen teilweise ganz (insbesondere im spitalexternen ambulanten Bereich). Das BAG prüft zurzeit, ob und wie eine einheitliche Regelung der Finanzierung der Dolmetschleistungen im Gesundheitsbereich möglich ist.</p> Antwort des Bundesrates.
  • <p>Aufgrund eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeiten und mangelhafter interkultureller Kompetenzen der behandelnden Ärzte bestehen ausgewiesene Lücken in der psychiatrischen Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund. Mit dem Ziel, diese zu schliessen, bitte ich den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Ist dem Bundesrat bekannt, dass aufgrund der oft nicht gewährleisteten Finanzierbarkeit von interkulturellen Dolmetschern namentlich in der Psychiatrie eine adäquate psychiatrische Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund und limitierten Kommunikationsmöglichkeiten häufig nicht oder nur eingeschränkt möglich ist? Ist ihm zudem bekannt, dass in solchen Fällen ungenügende oder gar fehlende psychiatrische Behandlungen und Therapien zu einem markant erhöhten Gesundheitsrisiko im psychosomatischen Bereich führen, mit entsprechenden erheblichen Kostenfolgen?</p><p>2. Welche Möglichkeiten bestehen seitens des Bundes, durch die Schliessung der genannten Lücke zur Erhöhung der Wirksamkeit und Effizienz psychiatrischer Behandlungen für diese besonders vulnerable Zielgruppe beizutragen?</p><p>3. Was kann der Bund beitragen, damit den entsprechenden Leistungserbringern die Abrechnung der Kosten für die Dolmetscherleistungen in der psychiatrischen Versorgung ermöglicht werden kann?</p>
  • Interkulturelles Dolmetschen in der psychiatrischen Behandlung
State
Erledigt
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <p>Die gesundheitliche Situation der Migrationsbevölkerung ist deutlich schlechter als diejenige der Schweizer Bevölkerung. Bei Flüchtlingen, die in ihren Heimatländern und auf der Flucht häufig traumatische Erfahrungen wie bewaffnete Konflikte, Gewalt, Folter und Vergewaltigungen erlebt haben, leidet gemäss internationalen Studien rund die Hälfte unter psychischen Erkrankungen. Bund und Kantone sorgen gemeinsam für Verbesserungen des Behandlungsangebotes für diese besonders vulnerable Zielgruppe. Für eine erfolgreiche psychiatrische Behandlung ist die Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und diesen Patientinnen und Patienten von zentraler Bedeutung und der Einsatz von interkulturell Dolmetschenden unabdingbar. Nur so können unnötige Abklärungen sowie Fehldiagnosen und -behandlungen vermieden werden. Die bisherigen Massnahmen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) sind zwar sehr begrüssenswert, lösen das Grundproblem aber nicht, solange die Finanzierung des interkulturellen Dolmetschens bei der psychiatrischen Behandlung nicht sichergestellt ist.</p>
    • <p>1. Dem Bundesrat ist bewusst, dass für Migrantinnen und Migranten besondere Zugangs- und Versorgungsschwierigkeiten in der Psychiatrie bestehen. Neben kulturell bedingter Stigmatisierung psychischer Krankheiten, einer anderen Krankheitswahrnehmung (häufig Somatisierung) oder fehlendem Wissen über das Versorgungssystem sind es insbesondere auch sprachliche Barrieren aufgrund fehlender Therapeutinnen und Therapeuten in ihrer Muttersprache oder des Fehlens einer Übersetzung durch interkulturelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher (siehe BAG-Studie, 2016: "Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz": <a href="http://www.bag.admin.ch">www.bag.admin.ch</a> &gt; Themen &gt; Mensch &amp; Gesundheit &gt; Psychische Gesundheit &gt; Politische Aufträge im Bereich psychische Gesundheit &gt; Postulat: Zukunft der Psychiatrie in der Schweiz &gt; Dokumente). Die Auswirkungen ungenügender oder fehlender psychiatrischer Behandlungen können allerdings nicht beziffert werden.</p><p>2. Eine adäquate Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patienten und Patientinnen ohne Kenntnisse einer Landessprache ist eine Behandlungssituation mit besonderen Herausforderungen. Das BAG fördert darum seit 2002 gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) das interkulturelle Dolmetschen und dessen Qualitätssicherung und -entwicklung: Dazu werden die schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen (Interpret) sowie der nationale Telefondolmetschdienst gestützt auf Artikel 53 Absatz 3 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG; SR 142.20) finanziell unterstützt. Des Weiteren setzen sich im Rahmen des Projektes "Swiss Hospitals for Equity" verschiedene grosse Spitäler dafür ein, die Versorgungsqualität für Migrantinnen und Migranten sowie weitere benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu verbessern und Zugangsbarrieren abzubauen. Das BAG stellt zudem für Gesundheitsfachpersonen die Online-Weiterbildung "Interaktion und Qualität" zur Verfügung.</p><p>Wie Erhebungen zeigen, wachsen die Einsatzstunden von Dolmetschleistungen jährlich. Während im Jahr 2010 im Gesundheitsbereich 72 000 Dolmetschstunden geleistet wurden, waren es 2015 bereits 138 500 Stunden. Gut ein Drittel dieser Einsätze fand im Bereich der Psychiatrie statt. Um den Einsatz von Dolmetschenden in psychiatrisch-psychotherapeutischen Institutionen weiter zu fördern, hat das SEM das Pilotprojekt "Zugänge schaffen" initiiert. Im Rahmen des Pilotprojekts können die teilnehmenden Institutionen während eineinhalb Jahren qualifizierte interkulturell Dolmetschende für die Beratungs- und Behandlungssitzungen beiziehen.</p><p>3. Aktuell werden die Kosten der interkulturell Dolmetschenden im Gesundheitsbereich teilweise durch die Kantone übernommen. Obwohl Empfehlungen der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) vom 26. Mai 2010 zur Abgeltung von Dolmetschleistungen im Rahmen von Leistungsvereinbarungen oder Abgeltungsverträgen mit den Spitälern bestehen (siehe www.gdk-cds.ch &gt; Dokumentation &gt; Empfehlungen), fallen die kantonalen Beiträge an die Finanzierung dieser Leistungen unterschiedlich aus oder fehlen teilweise ganz (insbesondere im spitalexternen ambulanten Bereich). Das BAG prüft zurzeit, ob und wie eine einheitliche Regelung der Finanzierung der Dolmetschleistungen im Gesundheitsbereich möglich ist.</p> Antwort des Bundesrates.
    • <p>Aufgrund eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeiten und mangelhafter interkultureller Kompetenzen der behandelnden Ärzte bestehen ausgewiesene Lücken in der psychiatrischen Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund. Mit dem Ziel, diese zu schliessen, bitte ich den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Ist dem Bundesrat bekannt, dass aufgrund der oft nicht gewährleisteten Finanzierbarkeit von interkulturellen Dolmetschern namentlich in der Psychiatrie eine adäquate psychiatrische Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund und limitierten Kommunikationsmöglichkeiten häufig nicht oder nur eingeschränkt möglich ist? Ist ihm zudem bekannt, dass in solchen Fällen ungenügende oder gar fehlende psychiatrische Behandlungen und Therapien zu einem markant erhöhten Gesundheitsrisiko im psychosomatischen Bereich führen, mit entsprechenden erheblichen Kostenfolgen?</p><p>2. Welche Möglichkeiten bestehen seitens des Bundes, durch die Schliessung der genannten Lücke zur Erhöhung der Wirksamkeit und Effizienz psychiatrischer Behandlungen für diese besonders vulnerable Zielgruppe beizutragen?</p><p>3. Was kann der Bund beitragen, damit den entsprechenden Leistungserbringern die Abrechnung der Kosten für die Dolmetscherleistungen in der psychiatrischen Versorgung ermöglicht werden kann?</p>
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