Naturkatastrophen und Umweltkrisen. Wer zahlt die Rechnung des Nichthandelns?
- ShortId
-
25.3546
- Id
-
20253546
- Updated
-
14.11.2025 02:54
- Language
-
de
- Title
-
Naturkatastrophen und Umweltkrisen. Wer zahlt die Rechnung des Nichthandelns?
- AdditionalIndexing
-
52;15;24
- 1
-
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <span><p><span>1) Im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) führt die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) seit 1972 die Unwetterschadens-Datenbank der Schweiz. In der Datenbank werden systematisch die finanziellen Schäden von Hochwasser-, Murgang-, Rutschungs- und Sturzereignissen erfasst. Die Zahlen liegen aktuell bis 2023 vor, da die aufwändige Erfassung der Schäden der Unwetter des Sommers 2024 noch nicht abgeschlossen ist. Die letzten 10 Jahre waren für die genannten Naturgefahren eher schadenarm, mit Ausnahme der schadenreichen Jahre 2021 und voraussichtlich 2024. Die jährlichen Schäden zeichnen sich durch eine grosse Streuung aus und liegen durchschnittlich bei rund 300 Millionen Franken pro Jahr. Die Schäden werden mehrheitlich von den kantonalen Gebäudeversicherungen bzw. in acht Kantonen von den privaten Versicherungen sowie von der öffentlichen Hand getragen. Nicht versicherte Schäden durch Naturereignisse werden u.</span><span> </span><span>a. durch Elementarschadenfonds der Gebäudeversicherungen, die Stiftung fondssuisse und Spendengelder mitgetragen.</span></p><p><span> </span></p><p><span>2) In der Schweiz nehmen die Häufigkeit und Intensität von extremeren Wetterereignissen und damit das Risiko durch Naturgefahren zu. In der Unwetterschadens-Datenbank ist jedoch keine Zunahme der finanziellen Schäden durch Hochwasser-, Murgang-, Rutschungs- und Sturzereignisse bis 2023 feststellbar. Grund dafür dürften insbesondere die Schutzmassnahmen sein, die nach schweren Unwettern umgesetzt wurden (wie 1978, 1987, 1999, 2000, 2005). Diese zeigten bei späteren Unwettern ihre Wirkung (z.B. verbesserte Warnung und Alarmierung, vorsorgliche Evakuation, technische Massnahmen). Präventive Massnahmen umfassen immer eine Kombination aus raumplanerischen, biologischen, technischen und organisatorischen Massnahmen. Mit einer Kombination können die Kosten für die Massnahmen in der Regel gesenkt werden. Grosse kantonale Präventionsprojekte und die Folgeprojekte aus Naturereignissen wie dem Unwetter 2024 oder dem Bergsturz Blatten führen zu einem steigenden Finanzbedarf. </span></p><p><span> </span></p><p><span>3) und 4) Der Bundesrat verweist auf seine Antworten zu den Fragen 1 und 2 aus der Anfrage 25.1009 Clivaz «Kosten des Nichthandelns im Umweltbereich». Derzeit läuft im Rahmen des Forschungsprogramms NCCS-Impacts (National Center for Climate Services) eine umfassende Untersuchung zu den Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz, in der die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Datengrundlagen und methodischen Ansätze zur Anwendung gelangen. Ein Teilprojekt dieses Forschungsprogramms widmet sich den möglichen sektoriellen und gesamtwirtschaftlichen Kosten des Klimawandels. Es zielt darauf ab, die bisherigen Kostenmodellierungen zu verbessern und zu verfeinern. Die Resultate werden im Winter 2025/2026 vorliegen. </span></p><p><span> </span></p><p><span>5) Die genaue Entwicklung der Kosten bis 2050 ist mit vielen Unsicherheiten behaftet und wird in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts noch ungewisser, weil Prognosen so weit in die Zukunft schwierig sind. Mit den vom Bund bereits ergriffenen und künftigen Massnahmen sollen diese Kosten möglichst klein gehalten werden. Dies entspricht auch dem vom Verfassungs- und Umweltrecht vorgegebenen Grundsatz der Nachhaltigkeit sowie dem Vorsorge- und Verursacherprinzip.</span></p></span>
- <p>Im Jahr 2024 verursachten Naturkatastrophen nach Angaben der Rückversicherer weltweit wirtschaftliche Schäden in Höhe von schätzungsweise 320 Mrd. USD, was einem Anstieg von 19% gegenüber 2023 entspricht. Rund 60% dieser Schäden waren nicht versichert.</p><p>Angesichts der steigenden Risiken hatten die Rückversicherer 2023 ihre Bedingungen bereits verschärft, indem sie die Prämien erhöhten und sich auf die sogenannten «primären» Katastrophen (Erdbeben, Hurrikane usw.) konzentrierten, zu Lasten der «sekundären» Katastrophen, die enger mit den menschengemachten Klimawandel und Biodiversitätsverlust verbunden sind. Diese Strategie spiegelt die Antizipation der steigenden Kosten wider, die mit der Untätigkeit der Behörden angesichts von Umweltkrisen verbunden sind.</p><p>Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung der folgenden Fragen:</p><ol><li>Wie hoch waren die jährlichen Kosten von Naturkatastrophen in der Schweiz in den letzten zehn Jahren, wie haben sich die Kosten verändert und wer hat sie getragen?</li><li>Wird der Bundesrat die zukünftigen Kosten von Naturkatastrophen in seiner langfristigen Finanzplanung einbeziehen? Plant er Finanzierungsmechanismen (Lenkungsabgaben etc.), um den zunehmenden Kosten von Umweltrisiken entgegenzuwirken? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?</li><li>Angesichts der prognostizierten Kosten von Naturkatastrophen als Folge von Klimaerhitzung und Biodiversitätsverlust (siehe IPCC und IPBES): Betrachtet der Bundesrat diese als «Kosten des Nichthandelns»? Wenn nein, warum nicht (inkl. Methodik) und wie hoch schätzt er diese bis 2050 ein?</li><li>In welchem Verhältnis stehen die sozio-ökonomischen Kosten des Handelns zu den Kosten des Nichthandelns?</li><li>Welche sozio-ökonomischen Kosten und Risiken werden in diesem Bereich auf künftige Generationen überwälzt und inwiefern ist eine solche Überwälzung mit Verfassung und geltendem Recht vereinbar?</li></ol>
- Naturkatastrophen und Umweltkrisen. Wer zahlt die Rechnung des Nichthandelns?
- State
-
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
-
- <span><p><span>1) Im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) führt die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) seit 1972 die Unwetterschadens-Datenbank der Schweiz. In der Datenbank werden systematisch die finanziellen Schäden von Hochwasser-, Murgang-, Rutschungs- und Sturzereignissen erfasst. Die Zahlen liegen aktuell bis 2023 vor, da die aufwändige Erfassung der Schäden der Unwetter des Sommers 2024 noch nicht abgeschlossen ist. Die letzten 10 Jahre waren für die genannten Naturgefahren eher schadenarm, mit Ausnahme der schadenreichen Jahre 2021 und voraussichtlich 2024. Die jährlichen Schäden zeichnen sich durch eine grosse Streuung aus und liegen durchschnittlich bei rund 300 Millionen Franken pro Jahr. Die Schäden werden mehrheitlich von den kantonalen Gebäudeversicherungen bzw. in acht Kantonen von den privaten Versicherungen sowie von der öffentlichen Hand getragen. Nicht versicherte Schäden durch Naturereignisse werden u.</span><span> </span><span>a. durch Elementarschadenfonds der Gebäudeversicherungen, die Stiftung fondssuisse und Spendengelder mitgetragen.</span></p><p><span> </span></p><p><span>2) In der Schweiz nehmen die Häufigkeit und Intensität von extremeren Wetterereignissen und damit das Risiko durch Naturgefahren zu. In der Unwetterschadens-Datenbank ist jedoch keine Zunahme der finanziellen Schäden durch Hochwasser-, Murgang-, Rutschungs- und Sturzereignisse bis 2023 feststellbar. Grund dafür dürften insbesondere die Schutzmassnahmen sein, die nach schweren Unwettern umgesetzt wurden (wie 1978, 1987, 1999, 2000, 2005). Diese zeigten bei späteren Unwettern ihre Wirkung (z.B. verbesserte Warnung und Alarmierung, vorsorgliche Evakuation, technische Massnahmen). Präventive Massnahmen umfassen immer eine Kombination aus raumplanerischen, biologischen, technischen und organisatorischen Massnahmen. Mit einer Kombination können die Kosten für die Massnahmen in der Regel gesenkt werden. Grosse kantonale Präventionsprojekte und die Folgeprojekte aus Naturereignissen wie dem Unwetter 2024 oder dem Bergsturz Blatten führen zu einem steigenden Finanzbedarf. </span></p><p><span> </span></p><p><span>3) und 4) Der Bundesrat verweist auf seine Antworten zu den Fragen 1 und 2 aus der Anfrage 25.1009 Clivaz «Kosten des Nichthandelns im Umweltbereich». Derzeit läuft im Rahmen des Forschungsprogramms NCCS-Impacts (National Center for Climate Services) eine umfassende Untersuchung zu den Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz, in der die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Datengrundlagen und methodischen Ansätze zur Anwendung gelangen. Ein Teilprojekt dieses Forschungsprogramms widmet sich den möglichen sektoriellen und gesamtwirtschaftlichen Kosten des Klimawandels. Es zielt darauf ab, die bisherigen Kostenmodellierungen zu verbessern und zu verfeinern. Die Resultate werden im Winter 2025/2026 vorliegen. </span></p><p><span> </span></p><p><span>5) Die genaue Entwicklung der Kosten bis 2050 ist mit vielen Unsicherheiten behaftet und wird in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts noch ungewisser, weil Prognosen so weit in die Zukunft schwierig sind. Mit den vom Bund bereits ergriffenen und künftigen Massnahmen sollen diese Kosten möglichst klein gehalten werden. Dies entspricht auch dem vom Verfassungs- und Umweltrecht vorgegebenen Grundsatz der Nachhaltigkeit sowie dem Vorsorge- und Verursacherprinzip.</span></p></span>
- <p>Im Jahr 2024 verursachten Naturkatastrophen nach Angaben der Rückversicherer weltweit wirtschaftliche Schäden in Höhe von schätzungsweise 320 Mrd. USD, was einem Anstieg von 19% gegenüber 2023 entspricht. Rund 60% dieser Schäden waren nicht versichert.</p><p>Angesichts der steigenden Risiken hatten die Rückversicherer 2023 ihre Bedingungen bereits verschärft, indem sie die Prämien erhöhten und sich auf die sogenannten «primären» Katastrophen (Erdbeben, Hurrikane usw.) konzentrierten, zu Lasten der «sekundären» Katastrophen, die enger mit den menschengemachten Klimawandel und Biodiversitätsverlust verbunden sind. Diese Strategie spiegelt die Antizipation der steigenden Kosten wider, die mit der Untätigkeit der Behörden angesichts von Umweltkrisen verbunden sind.</p><p>Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung der folgenden Fragen:</p><ol><li>Wie hoch waren die jährlichen Kosten von Naturkatastrophen in der Schweiz in den letzten zehn Jahren, wie haben sich die Kosten verändert und wer hat sie getragen?</li><li>Wird der Bundesrat die zukünftigen Kosten von Naturkatastrophen in seiner langfristigen Finanzplanung einbeziehen? Plant er Finanzierungsmechanismen (Lenkungsabgaben etc.), um den zunehmenden Kosten von Umweltrisiken entgegenzuwirken? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?</li><li>Angesichts der prognostizierten Kosten von Naturkatastrophen als Folge von Klimaerhitzung und Biodiversitätsverlust (siehe IPCC und IPBES): Betrachtet der Bundesrat diese als «Kosten des Nichthandelns»? Wenn nein, warum nicht (inkl. Methodik) und wie hoch schätzt er diese bis 2050 ein?</li><li>In welchem Verhältnis stehen die sozio-ökonomischen Kosten des Handelns zu den Kosten des Nichthandelns?</li><li>Welche sozio-ökonomischen Kosten und Risiken werden in diesem Bereich auf künftige Generationen überwälzt und inwiefern ist eine solche Überwälzung mit Verfassung und geltendem Recht vereinbar?</li></ol>
- Naturkatastrophen und Umweltkrisen. Wer zahlt die Rechnung des Nichthandelns?
Back to List