Hybridisierung Wolf-Hund. Warum bildet die Schweiz die Ausnahme?

ShortId
25.3959
Id
20253959
Updated
26.11.2025 16:24
Language
de
Title
Hybridisierung Wolf-Hund. Warum bildet die Schweiz die Ausnahme?
AdditionalIndexing
52
1
PriorityCouncil1
Nationalrat
Texts
  • <span><p><span>1-2) Seit der Wiederbesiedlung der Schweiz durch den Wolf Mitte der 1990er-Jahre wurden vier Wolf-Hund-Hybride nachgewiesen – alle vier waren Männchen. In Anbetracht dessen, dass im selben Zeitraum bereits mehr als 842 Wolfsindividuen genetisch identifiziert wurden, ist der Anteil der Wolf-Hund-Hybride an der gesamten Wolfspopulation sehr gering.&nbsp;</span><span>Das erste Individuum wurde im Tessin identifiziert, danach zog es weiter in den Kanton Graubünden. Das zweite Individuum wurde einmal im Wallis nachgewiesen. Diese beiden Tiere gehörten nicht zu einem Schweizer Rudel, sondern kamen aus dem Ausland. Ihre genaue Herkunft ist jedoch unbekannt. Das dritte Individuum wanderte wahrscheinlich aus Italien ein. Nachdem es das Tessin durchquert hatte, wurde es in Graubünden abgeschossen. Das vierte Individuum wurde kürzlich im Kanton Tessin identifiziert. Seine Herkunft ist nicht bekannt.</span></p><p><br></p><p><span>3), 5) und 6) Hybriden können nur mit einer genetischen Untersuchung zuverlässig identifiziert werden. So lässt zum Beispiel auch ein dunkler gefärbtes Fell nicht eindeutig auf eine Hybridisierung schliessen; häufig handelt es sich dabei um reinrassige Wölfe.&nbsp;</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>Alle in der Europäischen Union (EU) tätigen Labors, die mit nicht-invasiven genetischen Proben von Wölfen arbeiten, haben sich auf eine einheitliche Definition geeinigt: Individuen werden als Hybriden definiert, wenn eine genetische Vermischung (Introgression) bis zur zweiten Rückkreuzungsgeneration (BC2) zuverlässig nachgewiesen werden kann – unabhängig von der verwendeten technischen Methode. Im Rahmen von internationalen Kooperationen bezüglich Wolfsmonitoring werden Kenntnisse zu Hybriden in Grenznähe kontinuierlich ausgetauscht.</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>4) Wolf-Hund-Verpaarungen geschehen häufiger bei hohen Dichten von streunenden Hunden und sehr tiefen Dichten von Wölfen. Damit sind Wolf-Hund-Verpaarungen dort am häufigsten, wo streunende Hunde in grosser Anzahl in der Nähe von Wölfen vorkommen (südliches und östliches Europa) und wo gegen Hybride nicht aktiv vorgegangen wird. Das Management von streunenden Hunden und Hybriden ist Voraussetzung, um Wolf-Hunde-Verpaarungen vorzubeugen bzw. eine weitere Vermischung zu vermeiden. In der Schweiz gibt es wenig streunende Hunde, und Wolf-Hund-Verpaarungen sind unwahrscheinlich. Einwandernde Hybride aus dem Ausland sind aber jederzeit möglich.&nbsp;</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>7) Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und die Kantone verfolgen ein intensives Monitoring der Wolfspopulation, was es auch erlaubt, Hybriden, die im Sinne von Artikel 86 Absatz 1 der Tierschutzverordnung (TSchV; SR 455.1) als Wildtiere gelten, frühzeitig zu erkennen und bei Verdacht schnell gemäss Jagdverordnung (JSV; SR 922.01) zu entfernen. Gemäss Artikel 8a JSV müssen Tiere, die nicht zur einheimischen Artenvielfalt gehören, soweit möglich entfernt werden, wenn sie die einheimische Artenvielfalt gefährden. Das schliesst die Hybriden ein.</span></p></span>
  • <p>In den vergangenen Jahren haben verschiedene genetische Studien bestätigt: In der Schweiz sind Wolf-Hund-Hybride extrem selten, während in Nachbarländern wie Italien oder Slowenien äusserst hohe Hybridisierungsraten verzeichnet werden.</p><p>Laut einer Studie der Universität Lausanne, die auf 3463&nbsp;Proben abstützt, gesammelt zwischen 1998 und 2017, wiesen nur zwei der 115 untersuchten Wölfe Anzeichen einer Hybridisierung auf, die mehrere Generationen zuvor stattgefunden hatte. Bis heute (2025) wurde in den mehr als 20&nbsp;Jahren der Überwachung nur ein einziger Hybrid der zweiten Generation offiziell erlegt (im Jahr&nbsp;2022 in Graubünden).</p><p>Vergleich:</p><ul><li>In <strong>Italien</strong> wird der Anteil an Wolf-Hund-Hybriden aktuell auf über 11&nbsp;Prozent geschätzt, mit Spitzenwerten von 70&nbsp;Prozent in Gebieten wie dem Nationalpark Toskanisch-Emilianischer Apennin.</li><li>In <strong>Slowenien</strong> wurde 2022 im Gebiet von Tarvisio ein ganzes Rudel mit neun&nbsp;Hybriden identifiziert.</li><li>In <strong>Frankreich</strong> und <strong>Deutschland</strong> sind die Anteile niedriger, werden aber ständig überwacht.</li></ul><p>Ich stelle dem Bundesrat folgende Fragen:</p><ol><li>Welche aktuellen Zahlen gibt es über das Vorkommen von Wolf-Hund-Hybriden in der Schweiz und wie haben sie sich in den letzten fünf Jahren entwickelt?</li><li>Wie viele Exemplare mit Anzeichen von Hybridisierung wurden identifiziert? In welchen Kantonen?</li><li>Welches sind die wissenschaftlichen und rechtlichen Protokolle zur Identifizierung und Klassifizierung eines Hybrids? Wurden sie den Protokollen der anderen europäischen Länder angepasst?</li><li>Auf welche Faktoren führt der Bundesrat die aussergewöhnlich «reine» Situation der Wolfspopulation in der Schweiz zurück?</li><li>Gibt es eine grenzüberschreitende Koordination, so dass die Hybridisierung als ökologisches Phänomen gemeinsam angegangen werden kann?</li><li>Beabsichtigt der Bundesrat, eine Standardisierung der genetischen Protokolle zur Identifizierung von Hybriden vorzuschlagen?</li><li>Hält der Bundesrat es für sinnvoll, auf nationaler Ebene eine Fachgruppe (Bundesamt für Umwelt, KORA, kantonale Fachpersonen) einzusetzen, die anhand von Foto- und/oder Videobeweisen entscheidet, ob es sich bei verdächtigen Exemplaren um Hybride handeln könnte?</li></ol>
  • Hybridisierung Wolf-Hund. Warum bildet die Schweiz die Ausnahme?
State
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Related Affairs
Drafts
  • Index
    0
    Texts
    • <span><p><span>1-2) Seit der Wiederbesiedlung der Schweiz durch den Wolf Mitte der 1990er-Jahre wurden vier Wolf-Hund-Hybride nachgewiesen – alle vier waren Männchen. In Anbetracht dessen, dass im selben Zeitraum bereits mehr als 842 Wolfsindividuen genetisch identifiziert wurden, ist der Anteil der Wolf-Hund-Hybride an der gesamten Wolfspopulation sehr gering.&nbsp;</span><span>Das erste Individuum wurde im Tessin identifiziert, danach zog es weiter in den Kanton Graubünden. Das zweite Individuum wurde einmal im Wallis nachgewiesen. Diese beiden Tiere gehörten nicht zu einem Schweizer Rudel, sondern kamen aus dem Ausland. Ihre genaue Herkunft ist jedoch unbekannt. Das dritte Individuum wanderte wahrscheinlich aus Italien ein. Nachdem es das Tessin durchquert hatte, wurde es in Graubünden abgeschossen. Das vierte Individuum wurde kürzlich im Kanton Tessin identifiziert. Seine Herkunft ist nicht bekannt.</span></p><p><br></p><p><span>3), 5) und 6) Hybriden können nur mit einer genetischen Untersuchung zuverlässig identifiziert werden. So lässt zum Beispiel auch ein dunkler gefärbtes Fell nicht eindeutig auf eine Hybridisierung schliessen; häufig handelt es sich dabei um reinrassige Wölfe.&nbsp;</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>Alle in der Europäischen Union (EU) tätigen Labors, die mit nicht-invasiven genetischen Proben von Wölfen arbeiten, haben sich auf eine einheitliche Definition geeinigt: Individuen werden als Hybriden definiert, wenn eine genetische Vermischung (Introgression) bis zur zweiten Rückkreuzungsgeneration (BC2) zuverlässig nachgewiesen werden kann – unabhängig von der verwendeten technischen Methode. Im Rahmen von internationalen Kooperationen bezüglich Wolfsmonitoring werden Kenntnisse zu Hybriden in Grenznähe kontinuierlich ausgetauscht.</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>4) Wolf-Hund-Verpaarungen geschehen häufiger bei hohen Dichten von streunenden Hunden und sehr tiefen Dichten von Wölfen. Damit sind Wolf-Hund-Verpaarungen dort am häufigsten, wo streunende Hunde in grosser Anzahl in der Nähe von Wölfen vorkommen (südliches und östliches Europa) und wo gegen Hybride nicht aktiv vorgegangen wird. Das Management von streunenden Hunden und Hybriden ist Voraussetzung, um Wolf-Hunde-Verpaarungen vorzubeugen bzw. eine weitere Vermischung zu vermeiden. In der Schweiz gibt es wenig streunende Hunde, und Wolf-Hund-Verpaarungen sind unwahrscheinlich. Einwandernde Hybride aus dem Ausland sind aber jederzeit möglich.&nbsp;</span></p><p><span>&nbsp;</span></p><p><span>7) Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und die Kantone verfolgen ein intensives Monitoring der Wolfspopulation, was es auch erlaubt, Hybriden, die im Sinne von Artikel 86 Absatz 1 der Tierschutzverordnung (TSchV; SR 455.1) als Wildtiere gelten, frühzeitig zu erkennen und bei Verdacht schnell gemäss Jagdverordnung (JSV; SR 922.01) zu entfernen. Gemäss Artikel 8a JSV müssen Tiere, die nicht zur einheimischen Artenvielfalt gehören, soweit möglich entfernt werden, wenn sie die einheimische Artenvielfalt gefährden. Das schliesst die Hybriden ein.</span></p></span>
    • <p>In den vergangenen Jahren haben verschiedene genetische Studien bestätigt: In der Schweiz sind Wolf-Hund-Hybride extrem selten, während in Nachbarländern wie Italien oder Slowenien äusserst hohe Hybridisierungsraten verzeichnet werden.</p><p>Laut einer Studie der Universität Lausanne, die auf 3463&nbsp;Proben abstützt, gesammelt zwischen 1998 und 2017, wiesen nur zwei der 115 untersuchten Wölfe Anzeichen einer Hybridisierung auf, die mehrere Generationen zuvor stattgefunden hatte. Bis heute (2025) wurde in den mehr als 20&nbsp;Jahren der Überwachung nur ein einziger Hybrid der zweiten Generation offiziell erlegt (im Jahr&nbsp;2022 in Graubünden).</p><p>Vergleich:</p><ul><li>In <strong>Italien</strong> wird der Anteil an Wolf-Hund-Hybriden aktuell auf über 11&nbsp;Prozent geschätzt, mit Spitzenwerten von 70&nbsp;Prozent in Gebieten wie dem Nationalpark Toskanisch-Emilianischer Apennin.</li><li>In <strong>Slowenien</strong> wurde 2022 im Gebiet von Tarvisio ein ganzes Rudel mit neun&nbsp;Hybriden identifiziert.</li><li>In <strong>Frankreich</strong> und <strong>Deutschland</strong> sind die Anteile niedriger, werden aber ständig überwacht.</li></ul><p>Ich stelle dem Bundesrat folgende Fragen:</p><ol><li>Welche aktuellen Zahlen gibt es über das Vorkommen von Wolf-Hund-Hybriden in der Schweiz und wie haben sie sich in den letzten fünf Jahren entwickelt?</li><li>Wie viele Exemplare mit Anzeichen von Hybridisierung wurden identifiziert? In welchen Kantonen?</li><li>Welches sind die wissenschaftlichen und rechtlichen Protokolle zur Identifizierung und Klassifizierung eines Hybrids? Wurden sie den Protokollen der anderen europäischen Länder angepasst?</li><li>Auf welche Faktoren führt der Bundesrat die aussergewöhnlich «reine» Situation der Wolfspopulation in der Schweiz zurück?</li><li>Gibt es eine grenzüberschreitende Koordination, so dass die Hybridisierung als ökologisches Phänomen gemeinsam angegangen werden kann?</li><li>Beabsichtigt der Bundesrat, eine Standardisierung der genetischen Protokolle zur Identifizierung von Hybriden vorzuschlagen?</li><li>Hält der Bundesrat es für sinnvoll, auf nationaler Ebene eine Fachgruppe (Bundesamt für Umwelt, KORA, kantonale Fachpersonen) einzusetzen, die anhand von Foto- und/oder Videobeweisen entscheidet, ob es sich bei verdächtigen Exemplaren um Hybride handeln könnte?</li></ol>
    • Hybridisierung Wolf-Hund. Warum bildet die Schweiz die Ausnahme?

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