Heim- versus Nutztier bei Equiden. Wieso diese Sonderregelung und wieso so viel Food Waste?
- ShortId
-
25.4071
- Id
-
20254071
- Updated
-
18.12.2025 11:46
- Language
-
de
- Title
-
Heim- versus Nutztier bei Equiden. Wieso diese Sonderregelung und wieso so viel Food Waste?
- AdditionalIndexing
-
52;55
- 1
-
- PriorityCouncil1
-
Ständerat
- Texts
-
- <p>-</p>
- <span><p><span>1., 2. und 6. In der Schweiz ist per Gesetz jedes neu geborene Pferd ein Nutztier. Es bestehen deshalb weder administrative noch finanzielle Aufwände, das Tier als Nutztier zu erfassen. Der Eigentümer kann es jedoch zu einem beliebigen Zeitpunkt als Heimtier deklarieren. Dieser Statuswechsel muss in der Tierverkehrsdatenbank (TVD) bzw. im Equidenpass festgehalten werden und kann nicht rückgängig gemacht werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Sonderregelung der Schweiz. Aufgrund des Abkommens zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft über den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen (SR</span><span> </span><span>0.916.026.81; nachfolgend: Landwirtschaftsabkommen; Anhang 11) gilt in der Schweiz eine mit der EU-Gesetzgebung äquivalente Regelung. Gemäss europäischer Gesetzgebung wird jedes in der EU geborene Pferd als Nutztier geboren. Der Verwendungszweck (Schlachtpferd oder nicht) wird dann im obligatorischen Equidenpass hinterlegt. So sind bspw. auch in Deutschland ein grosser Teil der Pferde Heimtiere.</span></p><p><span> </span></p><p><span>3. und 5. Der Bundesrat respektiert die persönliche Entscheidungsfreiheit der Pferdeeigentümer, ob sie ihre Pferde als Nutz- oder Heimtier deklarieren und entsprechend nach deren Tod der Lebensmittelkette zuführen oder kremieren lassen wollen. </span></p><p><span>Dabei ist die Äquivalenz mit dem oben erwähnten Landwirtschaftsabkommen zu beachten. </span></p><p><span> </span></p><p><span>4. Je nachdem, ob ein Pferd als Nutztier oder Heimtier registriert ist, gelten andere Regeln für die Verwendung des Fleisches, die Entsorgung des Kadavers sowie die Verabreichung von Tierarzneimitteln. Für Pferde, die als Nutztier registriert sind und damit der Lebensmittelgewinnung dienen können, ist die Liste der erlaubten Arzneimittel eingeschränkt (Anhang 4 der Tierarzneimittelverordnung [TAMV; SR</span><span> </span><span>812.212.27]). In einem Behandlungsjournal müssen alle buchführungspflichtigen Tierarzneimittel vollständig eingetragen werden, damit nachgewiesen werden kann, dass das Fleisch bei der Schlachtung einwandfrei für den Verzehr ist. Bei Pferden, die als Heimtiere registriert sind, darf eine etwas breitere Palette an Arzneimitteln eingesetzt und es muss kein Behandlungsjournal geführt werden. Allerdings dürfen Heimtiere nicht geschlachtet werden, und ihr Fleisch darf nicht in die Lebensmittelkette gelangen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich im Fleisch Arzneimittelrückstände finden, die für den Menschen gesundheitsschädigend sind. </span></p><p><span> </span></p><p><span>7. Die Schlachtungen von Pferden in der Schweiz sind stark rückläufig. Auch Equiden, die als Nutztier gemeldet sind, und grundsätzlich der Lebensmittelkette zugeführt werden könnten, werden zunehmend nicht mehr geschlachtet: 2024 waren es nur noch 49%. Schon 2018 hat die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) den Beitrag der Sportpferde zum Ernährungssystem bezweifelt und die Einstellung der Finanzhilfen gefordert. Das ehemals wegen seiner Zugkraft geschätzte Pferd ist zum Begleiter in der Freizeit geworden, dies schlägt sich auch im Konsum von Pferdefleisch nieder: In den letzten 20 Jahren hat der Konsum von Pferdefleisch um 2/3 abgenommen. Der Bundesrat reagiert auf diesen Wandel in der gesellschaftlichen Bedeutung des Pferdes: In der neuen Tierzuchtverordnung (TZV; SR</span><span> </span><span>916.310) wird mittelfristig nur noch die Rasse Freiberger als einzige Schweizer Pferderasse, die zusätzlich als gefährdet gilt, mit Finanzhilfen unterstützt werden.</span></p></span>
- <p>In der Schweiz gilt bei Pferden eine Besonderheit: Sie werden entweder als Heim- oder als Nutztiere registriert. Im vergangenen Jahr waren erstmals mehr Pferde als Heim- statt Nutztiere eingetragen. Diese Praxis führt dazu, dass sehr viele Tiere nach ihrem Tod kremiert werden. Damit gehen jährlich mehrere tausend Tonnen an tierischem Protein verloren.</p><p> </p><p>Angesichts der Diskussionen über Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Food Waste stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Regelung. Zumal ein als Nutztier registriertes Pferd aus emotionalen Gründen ebenfalls kremiert werden darf – die Unterscheidung verliert also auch aus dieser Perspektive an Klarheit und Relevanz.</p><p> </p><p>Zudem ist die Frage nach der künftigen Rolle des Pferdes in der Landwirtschaft im Rahmen der Agrarpolitik 2030 (AP2030) von Bedeutung. Traditionell wurde das Pferd als Arbeits- und Nutztier verstanden, heute dominiert jedoch die Nutzung als Freizeit- und Sporttier. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Landwirtschaft, die Tierhaltungspolitik und die Ressourcennutzung?<br><br> Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:<br> </p><ol style="list-style-type:decimal;"><li>Weshalb hält die Schweiz an dieser Sonderregelung (Heim- vs. Nutztier bei Pferden) fest, während umliegende Länder darauf verzichten?<br> </li><li>Welche konkreten Schritte prüft oder unternimmt der Bundesrat, um diese Unterscheidung aufzuheben oder mit internationalen Standards zu harmonisieren?<br> </li><li>Teilt der Bundesrat die Einschätzung, dass es sich beim heutigen System um eine Form von Food Waste handelt, weil jährlich grosse Mengen an Proteinen ungenutzt verbrannt werden?<br> </li><li>Auf welche veterinärmedizinischen oder lebensmittelrechtlichen Grundlagen stützt sich die Unterscheidung? Sind diese aus heutiger wissenschaftlicher Sicht noch gerechtfertigt?<br> </li><li>Ist der Bundesrat bereit, im Sinne der Kreislaufwirtschaft Alternativen zur Verbrennung zu prüfen (z. B. Nutzung für Tierfutter, Spezialnahrung oder pharmazeutische Zwecke), um Ressourcen besser zu verwerten?<br> </li><li>Wie beurteilt der Bundesrat die heutigen administrativen und finanziellen Hürden für Tierhalterinnen und Tierhalter, die ihr Pferd als Nutztier registrieren möchten, und sieht er hier Reformbedarf?<br> </li><li>Welche Bedeutung misst der Bundesrat den Equiden in der künftigen Agrarpolitik 2030 bei? Welche Rolle sollen Pferde in der Landwirtschaft künftig noch spielen?</li></ol>
- Heim- versus Nutztier bei Equiden. Wieso diese Sonderregelung und wieso so viel Food Waste?
- State
-
Erledigt
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
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- <p>-</p>
- <span><p><span>1., 2. und 6. In der Schweiz ist per Gesetz jedes neu geborene Pferd ein Nutztier. Es bestehen deshalb weder administrative noch finanzielle Aufwände, das Tier als Nutztier zu erfassen. Der Eigentümer kann es jedoch zu einem beliebigen Zeitpunkt als Heimtier deklarieren. Dieser Statuswechsel muss in der Tierverkehrsdatenbank (TVD) bzw. im Equidenpass festgehalten werden und kann nicht rückgängig gemacht werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Sonderregelung der Schweiz. Aufgrund des Abkommens zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft über den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen (SR</span><span> </span><span>0.916.026.81; nachfolgend: Landwirtschaftsabkommen; Anhang 11) gilt in der Schweiz eine mit der EU-Gesetzgebung äquivalente Regelung. Gemäss europäischer Gesetzgebung wird jedes in der EU geborene Pferd als Nutztier geboren. Der Verwendungszweck (Schlachtpferd oder nicht) wird dann im obligatorischen Equidenpass hinterlegt. So sind bspw. auch in Deutschland ein grosser Teil der Pferde Heimtiere.</span></p><p><span> </span></p><p><span>3. und 5. Der Bundesrat respektiert die persönliche Entscheidungsfreiheit der Pferdeeigentümer, ob sie ihre Pferde als Nutz- oder Heimtier deklarieren und entsprechend nach deren Tod der Lebensmittelkette zuführen oder kremieren lassen wollen. </span></p><p><span>Dabei ist die Äquivalenz mit dem oben erwähnten Landwirtschaftsabkommen zu beachten. </span></p><p><span> </span></p><p><span>4. Je nachdem, ob ein Pferd als Nutztier oder Heimtier registriert ist, gelten andere Regeln für die Verwendung des Fleisches, die Entsorgung des Kadavers sowie die Verabreichung von Tierarzneimitteln. Für Pferde, die als Nutztier registriert sind und damit der Lebensmittelgewinnung dienen können, ist die Liste der erlaubten Arzneimittel eingeschränkt (Anhang 4 der Tierarzneimittelverordnung [TAMV; SR</span><span> </span><span>812.212.27]). In einem Behandlungsjournal müssen alle buchführungspflichtigen Tierarzneimittel vollständig eingetragen werden, damit nachgewiesen werden kann, dass das Fleisch bei der Schlachtung einwandfrei für den Verzehr ist. Bei Pferden, die als Heimtiere registriert sind, darf eine etwas breitere Palette an Arzneimitteln eingesetzt und es muss kein Behandlungsjournal geführt werden. Allerdings dürfen Heimtiere nicht geschlachtet werden, und ihr Fleisch darf nicht in die Lebensmittelkette gelangen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich im Fleisch Arzneimittelrückstände finden, die für den Menschen gesundheitsschädigend sind. </span></p><p><span> </span></p><p><span>7. Die Schlachtungen von Pferden in der Schweiz sind stark rückläufig. Auch Equiden, die als Nutztier gemeldet sind, und grundsätzlich der Lebensmittelkette zugeführt werden könnten, werden zunehmend nicht mehr geschlachtet: 2024 waren es nur noch 49%. Schon 2018 hat die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) den Beitrag der Sportpferde zum Ernährungssystem bezweifelt und die Einstellung der Finanzhilfen gefordert. Das ehemals wegen seiner Zugkraft geschätzte Pferd ist zum Begleiter in der Freizeit geworden, dies schlägt sich auch im Konsum von Pferdefleisch nieder: In den letzten 20 Jahren hat der Konsum von Pferdefleisch um 2/3 abgenommen. Der Bundesrat reagiert auf diesen Wandel in der gesellschaftlichen Bedeutung des Pferdes: In der neuen Tierzuchtverordnung (TZV; SR</span><span> </span><span>916.310) wird mittelfristig nur noch die Rasse Freiberger als einzige Schweizer Pferderasse, die zusätzlich als gefährdet gilt, mit Finanzhilfen unterstützt werden.</span></p></span>
- <p>In der Schweiz gilt bei Pferden eine Besonderheit: Sie werden entweder als Heim- oder als Nutztiere registriert. Im vergangenen Jahr waren erstmals mehr Pferde als Heim- statt Nutztiere eingetragen. Diese Praxis führt dazu, dass sehr viele Tiere nach ihrem Tod kremiert werden. Damit gehen jährlich mehrere tausend Tonnen an tierischem Protein verloren.</p><p> </p><p>Angesichts der Diskussionen über Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Food Waste stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Regelung. Zumal ein als Nutztier registriertes Pferd aus emotionalen Gründen ebenfalls kremiert werden darf – die Unterscheidung verliert also auch aus dieser Perspektive an Klarheit und Relevanz.</p><p> </p><p>Zudem ist die Frage nach der künftigen Rolle des Pferdes in der Landwirtschaft im Rahmen der Agrarpolitik 2030 (AP2030) von Bedeutung. Traditionell wurde das Pferd als Arbeits- und Nutztier verstanden, heute dominiert jedoch die Nutzung als Freizeit- und Sporttier. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Landwirtschaft, die Tierhaltungspolitik und die Ressourcennutzung?<br><br> Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:<br> </p><ol style="list-style-type:decimal;"><li>Weshalb hält die Schweiz an dieser Sonderregelung (Heim- vs. Nutztier bei Pferden) fest, während umliegende Länder darauf verzichten?<br> </li><li>Welche konkreten Schritte prüft oder unternimmt der Bundesrat, um diese Unterscheidung aufzuheben oder mit internationalen Standards zu harmonisieren?<br> </li><li>Teilt der Bundesrat die Einschätzung, dass es sich beim heutigen System um eine Form von Food Waste handelt, weil jährlich grosse Mengen an Proteinen ungenutzt verbrannt werden?<br> </li><li>Auf welche veterinärmedizinischen oder lebensmittelrechtlichen Grundlagen stützt sich die Unterscheidung? Sind diese aus heutiger wissenschaftlicher Sicht noch gerechtfertigt?<br> </li><li>Ist der Bundesrat bereit, im Sinne der Kreislaufwirtschaft Alternativen zur Verbrennung zu prüfen (z. B. Nutzung für Tierfutter, Spezialnahrung oder pharmazeutische Zwecke), um Ressourcen besser zu verwerten?<br> </li><li>Wie beurteilt der Bundesrat die heutigen administrativen und finanziellen Hürden für Tierhalterinnen und Tierhalter, die ihr Pferd als Nutztier registrieren möchten, und sieht er hier Reformbedarf?<br> </li><li>Welche Bedeutung misst der Bundesrat den Equiden in der künftigen Agrarpolitik 2030 bei? Welche Rolle sollen Pferde in der Landwirtschaft künftig noch spielen?</li></ol>
- Heim- versus Nutztier bei Equiden. Wieso diese Sonderregelung und wieso so viel Food Waste?
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