Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mäßigen Alkoholkonsum
- ShortId
-
25.4153
- Id
-
20254153
- Updated
-
22.12.2025 09:30
- Language
-
de
- Title
-
Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mäßigen Alkoholkonsum
- AdditionalIndexing
-
2841
- 1
-
- PriorityCouncil1
-
Ständerat
- Texts
-
- <p>Die Antworten des Bundesrates zur Interpellation 25.3629 und zur Frage 25.7866 können nicht befriedigen. Die Zero-Strategie der WHO wird seitens der Bundesbehörden offenbar nicht kritisch hinterfragt, obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar ist. </p><p> </p><p>Aktuell läuft die UNATI-Studie. Dies ist eine hochwertige Studie und gilt als Goldstandard für die Erforschung kausaler Zusammenhänge zwischen Alkohol und Gesundheit. Die Studie läuft noch rund drei Jahre.<br>Ein voreiliger Anschluss an die WHO-Empfehlung von 2023 – «es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol» – ist aus wissenschaftlicher Sicht falsch. Drei aktuelle Beispiele illustrieren die bestehende Evidenzlage:</p><p><br>1. The Lancet (2018): Diese globale Schlüsselstudie mit Daten aus 195 Ländern legte nahe, dass jeder Alkoholkonsum schädlich sei – eine Aussage, die wesentlich den Kurswechsel der WHO beeinflusste.<br>Der Follow-up zu The Lancet (2022) weist eine Abweichung auf: Neue Daten differenzieren deutlich – für Menschen ab 40 kann moderater Alkoholkonsum das Risiko verlorener gesunder Lebensjahre senken. </p><p><br>2. NASEM (2024): Die vom US-Kongress beauftragte Bewertung zeigt: Moderater Konsum kann die Gesamtsterblichkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes leicht reduzieren – bei leicht erhöhtem Krebsrisiko.</p><p><br>3. American Heart Association (2025): Ein aktuelles wissenschaftliches Statement erkennt an, dass moderater Alkoholkonsum mit einem leicht reduzierten Risiko für koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, plötzlichen Herztod und Herzmuskelschwäche verbunden ist.<br> </p><p>Fazit: Solange keine kausal gesicherten Erkenntnisse aus der UNATI-Studie vorliegen, sollen neue nationale Empfehlungen zurückgestellt werden. Ein voreiliger Richtungswechsel würde nur Verunsicherung und keinen gesundheitlichen Nutzen stiften. </p><p> </p>
- <p>Wie in seiner Antwort auf die Interpellation 25.3629 Würth «Masshalten bei Gesundheitsempfehlungen der WHO» dargelegt, sieht der Bundesrat keine Anhaltspunkte dafür, dass die 2010 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedete Globale Strategie zur Reduktion des schädlichen Alkoholkonsums sowie der 2022 lancierte Globale Aktionsplan Alkohol auf einer unzureichenden wissenschaftlichen Basis beruhen. Gleichzeitig ist hervorzuheben, dass die WHO keine Nulltoleranzstrategie verfolgt, sondern sich für präventive, schadensmindernde Massnahmen einsetzt, um den Konsum zu kontrollieren und die Risiken für die Gesundheit zu reduzieren.</p><p> </p><p>Zudem ist zu betonen, dass die Massnahmen und Empfehlungen der WHO keinen direkten Zusammenhang mit den Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nicht übertragbarerer Krankheiten (EKSN) oder mit der Ausgestaltung der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) haben. Die EKSN ist eine unabhängige, ausserparlamentarische Fachkommission, die sich aus renommierten Expertinnen und Experten zusammensetzt. Sie stützt ihre Arbeit auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand, berücksichtigt verschiedene Studien und formuliert darauf basierend Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol. Die Veröffentlichung ihrer aktuellen Empfehlungen ist in den kommenden Monaten vorgesehen. Die aktuelle NCD-Strategie läuft noch bis Ende 2028. Im Rahmen der Nachfolgestrategie wird der Bundesrat entscheiden, inwiefern die Empfehlungen der EKSN berücksichtigt werden.</p><p> </p><p>Ein Abwarten auf die genannte UNATI-Studie aus Spanien (Universität Navarra) erscheint aus Sicht des Bundesrates wenig zielführend, da deren Ergebnisse aufgrund des eingeschränkten Altersbereichs und des spezifischen Studiendesigns nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind. Die Studie umfasst über 10'000 Personen im Alter von 50 bis 75 Jahren, die regelmässig Alkohol trinken und die zufällig in zwei Gruppen eingeteilt werden: Eine Gruppe erhält regelmässig Beratungen zur Alkoholabstinenz, die andere Gruppe Beratungen zum moderaten Alkoholkonsum. Ziel der Studie ist es, die Auswirkungen der unterschiedlichen Beratungsansätze hinsichtlich Alkoholkonsum auf Mortalität und schwere Erkrankungen mit Hospitalisierung zu untersuchen. Da ausschliesslich ältere Personen, die regelmässig Alkohol trinken, einbezogen werden, lassen sich keine Rückschlüsse auf die Risiken von regelmässigem geringem Alkoholkonsum im Vergleich zu keinem Alkoholkonsum in der Gesamtbevölkerung ziehen.</p><p> </p><p>Weitere vom Motionär zitierten Studien weisen zudem sowohl methodische als auch inhaltliche Schwächen auf.</p><p>- Die in der Studie der <i>GBD 2020 Alcohol Collaborators</i> (2022, Lancet 400: 185-235) geäusserte Annahme eines schützenden Effekts bei geringem Alkoholkonsum bei älteren Personen ist umstritten und wird eher auf Faktoren wie Lebensstil oder sozioökonomischen Status zurückgeführt. Eine zentrale Schwäche der Studie besteht darin, dass sie sich auf Beobachtungsstudien stützt, die anfällig für Verzerrungen sind. Neuere genetische Studien (z.B. Mendelsche Randomisierungsstudien), die den Nutzen moderaten Alkoholkonsums in Frage stellen, wurden nicht berücksichtigt.</p><p>- Die Metaanalyse der <i>National Academies of Sciences, Engineering and Medicine (NASEM 2025: Review of Evidence on Alcohol and Health)</i> fasst neuere Forschungsarbeiten zusammen und zeigt Hinweise auf ein möglicherweise geringeres Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei moderatem Alkoholkonsum. Aufgrund der begrenzten Zahl einbezogener Studien sowie methodischer Unsicherheiten wird die Aussagekraft dieser Ergebnisse jedoch als gering beurteilt.</p><p>- Die Schlussfolgerung aus der Studie der <i>American Heart Association (Piano et al. 2025, Circulation 152: e7-e21)</i>, wonach das Risiko bestimmter Herzerkrankungen durch moderaten Alkoholkonsum leicht reduziert würde, lässt sich so nicht ziehen. Die Studie kommt lediglich zum Schluss, dass sich die Risiken nicht erhöhen oder möglicherweise verringern könnten. Sie beschränkt sich überdies auf Herzkrankheiten und berücksichtigt andere Risiken, wie etwa Krebs, nicht. Ausserdem liegen auch hier zumeist Beobachtungsdaten mit möglicher Verzerrung zugrunde.</p><p><br><br>Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.</p>
- <p>Der Bundesrat wird beauftragt, die Verabschiedung neuer Richtlinien zum mäßigen Alkoholkonsum zurück zu stellen und die Ergebnisse der laufenden UNATI-Studie mit einzubeziehen. Vor der Verabschiedung neuer Richtlinien sind die betroffenen Kreise anzuhören. </p>
- Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mäßigen Alkoholkonsum
- State
-
In Kommission des Nationalrats
- Related Affairs
-
- Drafts
-
-
- Index
- 0
- Texts
-
- <p>Die Antworten des Bundesrates zur Interpellation 25.3629 und zur Frage 25.7866 können nicht befriedigen. Die Zero-Strategie der WHO wird seitens der Bundesbehörden offenbar nicht kritisch hinterfragt, obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar ist. </p><p> </p><p>Aktuell läuft die UNATI-Studie. Dies ist eine hochwertige Studie und gilt als Goldstandard für die Erforschung kausaler Zusammenhänge zwischen Alkohol und Gesundheit. Die Studie läuft noch rund drei Jahre.<br>Ein voreiliger Anschluss an die WHO-Empfehlung von 2023 – «es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol» – ist aus wissenschaftlicher Sicht falsch. Drei aktuelle Beispiele illustrieren die bestehende Evidenzlage:</p><p><br>1. The Lancet (2018): Diese globale Schlüsselstudie mit Daten aus 195 Ländern legte nahe, dass jeder Alkoholkonsum schädlich sei – eine Aussage, die wesentlich den Kurswechsel der WHO beeinflusste.<br>Der Follow-up zu The Lancet (2022) weist eine Abweichung auf: Neue Daten differenzieren deutlich – für Menschen ab 40 kann moderater Alkoholkonsum das Risiko verlorener gesunder Lebensjahre senken. </p><p><br>2. NASEM (2024): Die vom US-Kongress beauftragte Bewertung zeigt: Moderater Konsum kann die Gesamtsterblichkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes leicht reduzieren – bei leicht erhöhtem Krebsrisiko.</p><p><br>3. American Heart Association (2025): Ein aktuelles wissenschaftliches Statement erkennt an, dass moderater Alkoholkonsum mit einem leicht reduzierten Risiko für koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, plötzlichen Herztod und Herzmuskelschwäche verbunden ist.<br> </p><p>Fazit: Solange keine kausal gesicherten Erkenntnisse aus der UNATI-Studie vorliegen, sollen neue nationale Empfehlungen zurückgestellt werden. Ein voreiliger Richtungswechsel würde nur Verunsicherung und keinen gesundheitlichen Nutzen stiften. </p><p> </p>
- <p>Wie in seiner Antwort auf die Interpellation 25.3629 Würth «Masshalten bei Gesundheitsempfehlungen der WHO» dargelegt, sieht der Bundesrat keine Anhaltspunkte dafür, dass die 2010 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedete Globale Strategie zur Reduktion des schädlichen Alkoholkonsums sowie der 2022 lancierte Globale Aktionsplan Alkohol auf einer unzureichenden wissenschaftlichen Basis beruhen. Gleichzeitig ist hervorzuheben, dass die WHO keine Nulltoleranzstrategie verfolgt, sondern sich für präventive, schadensmindernde Massnahmen einsetzt, um den Konsum zu kontrollieren und die Risiken für die Gesundheit zu reduzieren.</p><p> </p><p>Zudem ist zu betonen, dass die Massnahmen und Empfehlungen der WHO keinen direkten Zusammenhang mit den Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nicht übertragbarerer Krankheiten (EKSN) oder mit der Ausgestaltung der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) haben. Die EKSN ist eine unabhängige, ausserparlamentarische Fachkommission, die sich aus renommierten Expertinnen und Experten zusammensetzt. Sie stützt ihre Arbeit auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand, berücksichtigt verschiedene Studien und formuliert darauf basierend Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol. Die Veröffentlichung ihrer aktuellen Empfehlungen ist in den kommenden Monaten vorgesehen. Die aktuelle NCD-Strategie läuft noch bis Ende 2028. Im Rahmen der Nachfolgestrategie wird der Bundesrat entscheiden, inwiefern die Empfehlungen der EKSN berücksichtigt werden.</p><p> </p><p>Ein Abwarten auf die genannte UNATI-Studie aus Spanien (Universität Navarra) erscheint aus Sicht des Bundesrates wenig zielführend, da deren Ergebnisse aufgrund des eingeschränkten Altersbereichs und des spezifischen Studiendesigns nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind. Die Studie umfasst über 10'000 Personen im Alter von 50 bis 75 Jahren, die regelmässig Alkohol trinken und die zufällig in zwei Gruppen eingeteilt werden: Eine Gruppe erhält regelmässig Beratungen zur Alkoholabstinenz, die andere Gruppe Beratungen zum moderaten Alkoholkonsum. Ziel der Studie ist es, die Auswirkungen der unterschiedlichen Beratungsansätze hinsichtlich Alkoholkonsum auf Mortalität und schwere Erkrankungen mit Hospitalisierung zu untersuchen. Da ausschliesslich ältere Personen, die regelmässig Alkohol trinken, einbezogen werden, lassen sich keine Rückschlüsse auf die Risiken von regelmässigem geringem Alkoholkonsum im Vergleich zu keinem Alkoholkonsum in der Gesamtbevölkerung ziehen.</p><p> </p><p>Weitere vom Motionär zitierten Studien weisen zudem sowohl methodische als auch inhaltliche Schwächen auf.</p><p>- Die in der Studie der <i>GBD 2020 Alcohol Collaborators</i> (2022, Lancet 400: 185-235) geäusserte Annahme eines schützenden Effekts bei geringem Alkoholkonsum bei älteren Personen ist umstritten und wird eher auf Faktoren wie Lebensstil oder sozioökonomischen Status zurückgeführt. Eine zentrale Schwäche der Studie besteht darin, dass sie sich auf Beobachtungsstudien stützt, die anfällig für Verzerrungen sind. Neuere genetische Studien (z.B. Mendelsche Randomisierungsstudien), die den Nutzen moderaten Alkoholkonsums in Frage stellen, wurden nicht berücksichtigt.</p><p>- Die Metaanalyse der <i>National Academies of Sciences, Engineering and Medicine (NASEM 2025: Review of Evidence on Alcohol and Health)</i> fasst neuere Forschungsarbeiten zusammen und zeigt Hinweise auf ein möglicherweise geringeres Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei moderatem Alkoholkonsum. Aufgrund der begrenzten Zahl einbezogener Studien sowie methodischer Unsicherheiten wird die Aussagekraft dieser Ergebnisse jedoch als gering beurteilt.</p><p>- Die Schlussfolgerung aus der Studie der <i>American Heart Association (Piano et al. 2025, Circulation 152: e7-e21)</i>, wonach das Risiko bestimmter Herzerkrankungen durch moderaten Alkoholkonsum leicht reduziert würde, lässt sich so nicht ziehen. Die Studie kommt lediglich zum Schluss, dass sich die Risiken nicht erhöhen oder möglicherweise verringern könnten. Sie beschränkt sich überdies auf Herzkrankheiten und berücksichtigt andere Risiken, wie etwa Krebs, nicht. Ausserdem liegen auch hier zumeist Beobachtungsdaten mit möglicher Verzerrung zugrunde.</p><p><br><br>Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.</p>
- <p>Der Bundesrat wird beauftragt, die Verabschiedung neuer Richtlinien zum mäßigen Alkoholkonsum zurück zu stellen und die Ergebnisse der laufenden UNATI-Studie mit einzubeziehen. Vor der Verabschiedung neuer Richtlinien sind die betroffenen Kreise anzuhören. </p>
- Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mäßigen Alkoholkonsum
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