Kolonialgeschichte der UBS. Ignoriert die grösste Bank der Schweiz ihre eigene Vergangenheit?
- ShortId
-
25.4290
- Id
-
20254290
- Updated
-
19.12.2025 12:30
- Language
-
de
- Title
-
Kolonialgeschichte der UBS. Ignoriert die grösste Bank der Schweiz ihre eigene Vergangenheit?
- AdditionalIndexing
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04;24;1231
- 1
-
- PriorityCouncil1
-
Nationalrat
- Texts
-
- <p>Zu Fragen 1-2: Der Bundesrat anerkennt, dass die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte der Schweiz, einschliesslich ihrer Verflechtungen mit der Sklaverei, eine wichtige gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgabe ist. Wie bereits in der Antwort auf die Interpellation 20.3755 Sommaruga «Rassismus. Der Bundesrat muss endlich ein Zeichen gegen den in der Schweiz impliziten, unterschwelligen historischen Rassismus setzen» ausgeführt, begrüsst er ausdrücklich die Aufarbeitung auch der problematischen Aspekte unserer Vergangenheit. Nur durch ein solches Bewusstsein lassen sich Lehren aus der Geschichte ziehen, die uns helfen, aktuelle Fragen über die globale Verflochtenheit unserer Wirtschaft sowie die daraus entstehenden moralisch-ethischen Herausforderungen zu verstehen. Als gutes Beispiel für eine gelungene Aufarbeitung der Schweizer Geschichte kann die letztjährige Ausstellung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich mit dem Titel «kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz» genannt werden. Sie bot einen umfassenden Überblick über die koloniale Verflechtungsgeschichte der Schweiz und wird nächstes Jahr im Château de Prangins, gezeigt.</p><p>Eine Aufarbeitung erscheint auch vor dem Hintergrund sinnvoll, dass immer mehr wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure diesen Bedarf anerkennen und entsprechend tätig werden. Die Haltung einzelner privater Akteure zu dieser Debatte liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Bundesrates.</p><p> </p><p>Zu Frage 3: Banken und Versicherungen haben gemäss finanzmarktrechtlichen Bestimmungen alle wesentlichen Risiken systematisch zu erfassen, zu begrenzen und zu überwachen. Dies gilt auch für Risiken, die aus ausländischer Quelle stammen. Art. 12 Bankenverordnung (BankV; SR 952.02) verlangt ein umfassendes Risikomanagement, welches auch Imagerisiken und rechtliche Risiken umfasst. Versicherungsunternehmen müssen gemäss Art. 98 Aufsichtsverordnung (AVO; SR 961.011) operationelle Risiken aller Art identifizieren, beurteilen und dokumentieren. Die Umsetzung der Bestimmungen wird durch die FINMA beaufsichtigt.</p><p> </p><p>Zu Frage 4: Unternehmen haben, soweit sie von Art. 964<i>a </i>OR erfasst sind, öffentlich Rechenschaft über nicht-finanzielle Belange und die diesbezüglichen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit abzugeben. Letztere schliessen die Achtung der Menschenrechte ein. Inwieweit kolonialgeschichtliche Aspekte und allfällige damit verbundene Risiken zu berücksichtigen sind, ist nach Auffassung des Bundesrates der jeweiligen Rechtseinheit zu überlassen.</p>
- <p>Die UBS, die letzte global systemrelevante Bank der Schweiz, hat eine lange Kolonialgeschichte. Diese hat sich durch die Übernahme der CS und anderer Vorläuferbanken akkumuliert. Zu erwähnen sind etwa die Sklaverei-Beziehungen von Alfred Escher, Gründer der SKA, sowie die Institute Bank Leu, Deutsch-Schweizerische Kreditbank, St.Gallische Hypothekarkasse, Bank in Schaffhausen und das Berner Bankhaus Marcuard & Cie. Die Rolle und Verantwortung der Schweizer Bankinstitute wurde bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. <br>Der Präsident der African-Caribbean Reparations & Resettlement Alliance (ACRRA) Shelley Moorhead und der auf Schweizer Kolonialgeschichte spezialisierte Historiker Hans Fässler haben die UBS darauf hingewiesen. Bisher verweigerte die Bank jedoch die Anerkennung ihrer Vergangenheit: Es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Vorgängerinstitutionen der UBS in den transatlantischen Sklavenhandel verwickelt gewesen seien oder einen direkten wirtschaftlichen Nutzen daraus gezogen hätten, das sei von unabhängigen Historikern und anderen Experten belegt worden. Diese Darstellung widerspricht der historischen Forschung und weder die Namen noch die Studien der Experten wurden bisher veröffentlicht. </p><p>In den USA wird von Bankinstituten eine Aufarbeitung ihrer Verwicklung in die Sklaverei vorausgesetzt. Die dafür erlassene «Slavery Era Disclosure Legislation» sieht bei Nichteinhaltung Entschädigungen und Bussen vor. Die UBS geht mit der Nicht-Anerkennung ihrer Vergangenheit sowie der ihrer Vorgängerbanken ein finanzielles und ein Reputationsrisiko ein. <br>Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:</p><p>1. Anerkennt der Bundesrat, dass die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte der Schweiz, insbesondere die Verflechtung mit der Sklaverei, eine wichtige gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgabe ist? Insbesondere auch vor dem Hintergrund, weil anderorts gerade Geschichte auf Befehl von oben umgeschrieben wird?</p><p>2. Wie beurteilt der Bundesrat die Weigerung der UBS, sich dieser Debatte zu stellen?</p><p>3. Wie gross schätzt der Bundesrat die Gefahr ein, dass nichtaufgearbeitete Sklaverei-Beziehungen für Schweizer Banken und Versicherungen, z.B. in den USA zu einem Risiko werden könnten?<br>4. Welche Empfehlungen macht der Bundesrat Schweizer Unternehmen und Banken, damit sie sich vertieft mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen?</p>
- Kolonialgeschichte der UBS. Ignoriert die grösste Bank der Schweiz ihre eigene Vergangenheit?
- State
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Erledigt
- Related Affairs
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- Drafts
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- Index
- 0
- Texts
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- <p>Zu Fragen 1-2: Der Bundesrat anerkennt, dass die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte der Schweiz, einschliesslich ihrer Verflechtungen mit der Sklaverei, eine wichtige gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgabe ist. Wie bereits in der Antwort auf die Interpellation 20.3755 Sommaruga «Rassismus. Der Bundesrat muss endlich ein Zeichen gegen den in der Schweiz impliziten, unterschwelligen historischen Rassismus setzen» ausgeführt, begrüsst er ausdrücklich die Aufarbeitung auch der problematischen Aspekte unserer Vergangenheit. Nur durch ein solches Bewusstsein lassen sich Lehren aus der Geschichte ziehen, die uns helfen, aktuelle Fragen über die globale Verflochtenheit unserer Wirtschaft sowie die daraus entstehenden moralisch-ethischen Herausforderungen zu verstehen. Als gutes Beispiel für eine gelungene Aufarbeitung der Schweizer Geschichte kann die letztjährige Ausstellung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich mit dem Titel «kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz» genannt werden. Sie bot einen umfassenden Überblick über die koloniale Verflechtungsgeschichte der Schweiz und wird nächstes Jahr im Château de Prangins, gezeigt.</p><p>Eine Aufarbeitung erscheint auch vor dem Hintergrund sinnvoll, dass immer mehr wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure diesen Bedarf anerkennen und entsprechend tätig werden. Die Haltung einzelner privater Akteure zu dieser Debatte liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Bundesrates.</p><p> </p><p>Zu Frage 3: Banken und Versicherungen haben gemäss finanzmarktrechtlichen Bestimmungen alle wesentlichen Risiken systematisch zu erfassen, zu begrenzen und zu überwachen. Dies gilt auch für Risiken, die aus ausländischer Quelle stammen. Art. 12 Bankenverordnung (BankV; SR 952.02) verlangt ein umfassendes Risikomanagement, welches auch Imagerisiken und rechtliche Risiken umfasst. Versicherungsunternehmen müssen gemäss Art. 98 Aufsichtsverordnung (AVO; SR 961.011) operationelle Risiken aller Art identifizieren, beurteilen und dokumentieren. Die Umsetzung der Bestimmungen wird durch die FINMA beaufsichtigt.</p><p> </p><p>Zu Frage 4: Unternehmen haben, soweit sie von Art. 964<i>a </i>OR erfasst sind, öffentlich Rechenschaft über nicht-finanzielle Belange und die diesbezüglichen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit abzugeben. Letztere schliessen die Achtung der Menschenrechte ein. Inwieweit kolonialgeschichtliche Aspekte und allfällige damit verbundene Risiken zu berücksichtigen sind, ist nach Auffassung des Bundesrates der jeweiligen Rechtseinheit zu überlassen.</p>
- <p>Die UBS, die letzte global systemrelevante Bank der Schweiz, hat eine lange Kolonialgeschichte. Diese hat sich durch die Übernahme der CS und anderer Vorläuferbanken akkumuliert. Zu erwähnen sind etwa die Sklaverei-Beziehungen von Alfred Escher, Gründer der SKA, sowie die Institute Bank Leu, Deutsch-Schweizerische Kreditbank, St.Gallische Hypothekarkasse, Bank in Schaffhausen und das Berner Bankhaus Marcuard & Cie. Die Rolle und Verantwortung der Schweizer Bankinstitute wurde bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. <br>Der Präsident der African-Caribbean Reparations & Resettlement Alliance (ACRRA) Shelley Moorhead und der auf Schweizer Kolonialgeschichte spezialisierte Historiker Hans Fässler haben die UBS darauf hingewiesen. Bisher verweigerte die Bank jedoch die Anerkennung ihrer Vergangenheit: Es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Vorgängerinstitutionen der UBS in den transatlantischen Sklavenhandel verwickelt gewesen seien oder einen direkten wirtschaftlichen Nutzen daraus gezogen hätten, das sei von unabhängigen Historikern und anderen Experten belegt worden. Diese Darstellung widerspricht der historischen Forschung und weder die Namen noch die Studien der Experten wurden bisher veröffentlicht. </p><p>In den USA wird von Bankinstituten eine Aufarbeitung ihrer Verwicklung in die Sklaverei vorausgesetzt. Die dafür erlassene «Slavery Era Disclosure Legislation» sieht bei Nichteinhaltung Entschädigungen und Bussen vor. Die UBS geht mit der Nicht-Anerkennung ihrer Vergangenheit sowie der ihrer Vorgängerbanken ein finanzielles und ein Reputationsrisiko ein. <br>Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:</p><p>1. Anerkennt der Bundesrat, dass die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte der Schweiz, insbesondere die Verflechtung mit der Sklaverei, eine wichtige gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgabe ist? Insbesondere auch vor dem Hintergrund, weil anderorts gerade Geschichte auf Befehl von oben umgeschrieben wird?</p><p>2. Wie beurteilt der Bundesrat die Weigerung der UBS, sich dieser Debatte zu stellen?</p><p>3. Wie gross schätzt der Bundesrat die Gefahr ein, dass nichtaufgearbeitete Sklaverei-Beziehungen für Schweizer Banken und Versicherungen, z.B. in den USA zu einem Risiko werden könnten?<br>4. Welche Empfehlungen macht der Bundesrat Schweizer Unternehmen und Banken, damit sie sich vertieft mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen?</p>
- Kolonialgeschichte der UBS. Ignoriert die grösste Bank der Schweiz ihre eigene Vergangenheit?
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